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Auf der Suche nach dem „Gottes-Gen“

Wo sitzt eigentlich die Religiosität des Menschen? Lässt sich im genetischen Fingerabdruck eines Menschen erkennen, ob er glauben kann oder nicht?

 

 

In der Diskussion um das „Gottes-Gen“ ist es etwas ruhiger geworden. Was steckt dahinter? Es gab eine Zeit lang eine Diskussion, ob die Religiosität von Menschen vererbbar sei, ob es Menschen gäbe, die genetisch gut für ein religiöses Leben ausgestattet sind, und andere aufgrund ihrer mangelnden genetischen Ausstattung keinen Zugang zur Religion finden können. Diese Menschen bezeichnen sich oft als religiös unmusikalisch. Das führt zu der Frage: Wo sitzt Religiosität? Gibt es für sie einen Ort? Im Gehirn, in der Materie, im Geist, in den Genen?

 

Menschen suchen materielle Orte für Phänomene, die die Materie überschreiten. Es ist dies der Bereich des Geistigen. Zwar ist das Geistige oder der Geist des Menschen mit Verstand und Vernunft in dieser Welt an Materie gebunden (ohne Gehirn gibt es innerweltlich kein Denken), aber der Geist ist doch von der Materie zu unterscheiden. Der Gedanke ist etwas anderes als das Gehirn. Die Materie, also das Gehirn, ist die notwendige Voraussetzung für das Denken, aber nicht die hinreichende. Es bedarf eines ganzen Menschen. Das Gehirn denkt nicht, sondern der Mensch denkt. Und miteinander sprechen Menschen und nicht Gehirne.

 

Einheit in Verschiedenheit

 

Nun soll hier kein Dualismus zwischen Geist und Materie vertreten werden, denn beide gehören untrennbar zusammen: der eine Mensch in der Einheit von Geist und Materie. Also bleibt nur eine Lösung: Es ist eine Einheit in Verschiedenheit – ein Mensch in der Einheit und Verschiedenheit von Geist und Materie. Sie sind nicht zu trennen und doch verschieden, ungetrennt und unvermischt.

 

Das ist auch das Dogma von der Zwei-Naturen-Lehre Jesu, ganz Gott und ganz Mensch, ungetrennt und unvermischt. Kann man bei so großen Themen wie Liebe, Gott, Religiosität, Wahrheit, Seele also überhaupt die Frage nach einem materiellen Ort stellen? Wo hat die Liebe ihren Sitz? In mir, im anderen, zwischen uns? Wo ist der Sitz von Wahrheit, von Gott, von Religiosität, der Seele? Sind das nicht fast sinnlose Fragen? Manche Menschen sagen, die Seele sitzt im Gehirn, die alte Philosophie eines Aristoteles oder Thomas von Aquin sagt, die Seele durchformt den Körper zum Leib. Die Seele hat keinen Ort, sie ist gewissermaßen alles, wie Thomas von Aquin sagt, sie ist ein Lebensprinzip, das alles durchwirkt.

 

Der Mediziner Virchow hat viele Menschen nach dem Tod seziert und gesagt: Ich habe nie eine Seele gefunden. Da müsste man sagen: Falsche Frage. Manche Astronauten oder Kosmonauten sind in den Weltraum geflogen und haben gesagt, wir haben Gott nicht gesehen: Falsche Frage. Gott hat keinen Ort, auf dem er sitzt, und die Seele hat ebenso wenig einen Ort. Und so ist es auch mit der Religiosität des Menschen. Auch sie hat in dem Sinne keinen Ort im Gehirn oder in den Genen. Wenn überhaupt, kann man epigenetische Einflüsse geltend machen. Das sind jene Einflüsse, die die Gene steuern durch die Umwelt, die Innenwelt, Kultur, Erziehung, Prägung. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben.

 

Den Horizont offen lassen

 

Den Horizont offen lassen Der Mensch ist von seiner Geiststruktur her auf das Absolute ausgerichtet, so hat es der Philosoph Hegel formuliert. Entscheidend ist, wie diese Ausrichtung durch Erziehung, Bildung und Beispiel geprägt wird. Kinder stellen oft die wesentlichen Fragen, wo die Mutter jetzt nach dem Tod ist, was der Himmel bedeutet, wo Gott wohnt und vieles mehr. Werden diese Fragen ignoriert oder als lächerlich abgetan, wird das Kind nicht mehr fragen und womöglich ist ein erster Schritt in eine „Areligosität“ gesetzt. Bekommen die Kinder aber Antworten und werden zum Weiterfragen angeregt, halten sie die Frage nach den letzten Gründen und nach Gott offen und werden womöglich neugierig weitersuchen.

 

Entscheidend für eine religiöse Prägung sind also nicht die Gene, sondern die Umgebung, die die religiösen Grundveranlagungen entweder fördern, blockieren, ins Leere laufen lassen oder sogar zerstören.

 

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Prof. Dr. Matthias Beck ist Mediziner, Theologe und Priester. Er lehrt Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und ist Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben sowie Mitglied der österreichischen Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt.

 

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