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Wider die Furcht vor der Berufungslosigkeit

Ein Plädoyer für eine nachdenklich-vertrauensvolle Berufungspastoral

Wir sollen also in Freiheit das wählen, was uns mehr zum letzten Ziel führt, für das wir geschaffen sind, und zur Erfüllung, für die wir berufen sind.

Von Simon M. KOPF

 

Simon M. Kopf: Wir sollen also in Freiheit das wählen, was uns mehr zum letzten Ziel führt,
für das wir geschaffen sind, und zur Er füllung, für die wir berufen sind.

 

Lassen immer weniger geistliche Berufungen in unserem Land darauf schließen, dass es immer weniger von Gott Berufene gibt? Oder leben immer mehr Menschen heute an ihrer Berufung vorbei? Das sind Fragen, die mich als Seelsorger in der Berufungspastoral beschäftigen. Konkret zeigt sich das oftmals an der scheinbaren Indifferenz vieler junger Menschen beim Thema Religion und gelebter Glaube. Ruft Gott sie ins Leben, in eine bestimmte Aufgabe, einen spezifischen Stand – und wenn ja, wie?

 

Von Gott gerufen

Jeder Mensch ist von Gott gerufen. Der Mensch ist ein von Gott und auf ihn hin geschaffenes Wesen. Daraus folgt eine Zielrichtung, die jedem Geschöpf als solchem innewohnt. Gott spricht diese Ausrichtung, die in unterschiedlicher Form und Prägung vorhanden sein kann, dem Propheten Jeremia in exemplarischer Weise zu: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.“ (Jer 1,5)

 

Wenn Gott jeden Menschen beruft, ihn ins Leben, in eine Aufgabe, letztlich zu sich ruft, dann ist die Grundfrage der Berufungspastoral, wie wir diese menschliche Grundstruktur freilegen und erfahrbar machen können. Oder anders ausgedrückt: Was ist, wenn ich den Ruf nicht höre, verstehe oder zuordnen kann, wie im Falle des Propheten Samuel. Oft braucht es Zeit und die Hilfe anderer, bis wir antworten können: „Rede, Herr; denn dein Diener hört.“ (1 Sam 3,9) Wie also erfahre ich mich als ein von Gott Gerufener, eine von Gott Gerufene? Und wozu genau bin ich berufen?

 

Das Mehr im Leben

Kann der Mensch sich begnügen mit dem, was er ist und hat – ohne eine lebendige Beziehung zu Gott? Wenn wir diese Frage mit Ja beantworten – nicht nur mit Worten, sondern auch mit unseren Taten –, warum sollte dann ein junger Mensch sich berufen fühlen, ein Leben als Christ, als Christin zu wagen? Wenn die Natur genügt, warum bedarf es dann der Gnade? Eine Grundwahrheit der Berufungspastoral muss also sein, dass ein sinnerfülltes, gelingendes, heiliges Leben letztlich nur in Gott Ziel und Bestimmung finden kann.

 

Wir sind Geschöpfe, die nach dem Mehr streben. Jeder Mensch strebt von Natur aus nach Glück, nach Vollkommenheit. Dieses Streben kann in dieser Welt allein keine Erfüllung finden, sondern letztlich nur in Gott. Gott ist es, der uns vollkommenes Glück verheißt und schenkt. Der heilige Thomas von Aquin drückt das wie folgt aus: Nicht Reichtum, Ruhm oder Ehre noch Macht oder irgendein anderes geschaffenes Gut kann das Glück des Menschen ausmachen, denn allein die glückselige Schau Gottes – das Schauen Gottes „von Angesicht zu Angesicht“ (1 Kor 13,12) – vermag die natürliche Sehnsucht des Menschen zu erfüllen. Diese Sehnsucht nach Gott ist da, ob ich sie in meinem Herzen verspüre und verstehe oder nicht.

 

Unterscheidung der Güter

Denn die natürliche Sehnsucht nach Gott kann auch in anderem ihre Erfüllung suchen, sie kann sich in Nebensächlichkeiten verlieren, die sie für ihr eigentliches Ziel hält; sie wird die angestrebte Erfüllung aber – und das macht die Angelegenheit entscheidend – letztlich dort nicht finden. Das heißt selbstverständlich nicht, dass irdische Güter schlecht oder hinderlich sind. Ganz im Gegenteil, sie spielen eine wichtige Rolle in unserem täglichen Leben und oft lernen und wachsen wir an ihnen. Das Entscheidende ist, sie richtig einzustufen und zu gebrauchen.

 

Im und für ein geistliches Leben bedarf es deshalb oft einer Distanzierung vom Alltag, eines erlernten Maßhaltens und Nicht-Anhängens sowie der Gabe der Unterscheidung: Was fördert mich zu Gott und was hindert mich? Der heilige Ignatius von Loyola verwendet dafür den Begriff der Indifferenz und drückt das wie folgt aus: „Der Mensch ist geschaffen, um Gott unseren Herrn zu loben, ihm Ehrfurcht zu erweisen und ihm zu dienen und mittels dessen seine Seele zu retten; und die übrigen Dinge auf dem Angesicht der Erde sind für den Menschen geschaffen und damit sie ihm bei der Verfolgung dieses Ziels helfen, zu dem er geschaffen ist. Daraus folgt, daß der Mensch sie so weit gebrauchen soll, als sie ihm für sein Ziel helfen, und sich so weit von ihnen lösen soll, als sie ihn dafür hindern.“ (EB 23)

Wir sollen also in Freiheit das wählen, was uns mehr zum letzten Ziel führt, für das wir geschaffen sind, und zur Erfüllung, für die wir berufen sind.

 

Das Zudecken und Aufbrechen der Frage

Eine Gefahr unserer Zeit scheint mir die Beschäftigtheit in unserem Alltag: die Fülle an Information und Eindrücken, die wir jeden Tag zu verarbeiten haben, das stetige Etwas-vor-sich-Haben. Das verleitet dazu, ständig vom einem in das Nächste überzugehen, ohne mir die Frage stellen zu müssen, was ich denn eigentlich will, auch auf das Ganze gesehen. Da bleibt wenig Zeit für Stille, Besinnung und das Hören auf meine tiefste Sehnsucht.

 

Aber irgendwann, irgendwo bricht die Frage auf, die ich mir selber bin. Das genügt als Anfang, wenn ich die Offenheit an den Tag lege, dieser Richtschnur nachzugehen. Zumindest die Sehnsucht nach der Sehnsucht muss gegeben sein. An diesem Ort, zu dieser Zeit sollten wir Christinnen und Christen präsent sein mit der gelebten Frage: Was will Gott ganz konkret von mir? Und in welcher Lebensform, durch welche Aufgabe, durch welches Tun, welches Reden und welches Leben erfülle ich den Willen Gottes, der mich dazu bestimmt hat, dass ich das Meine und damit das Seine in die Welt bringe.

 

Berufung heute

Ich bin der festen Überzeugung, dass Gott auch heute Menschen beruft. Die Frage ist: Hören wir diesen Ruf und antworten wir darauf entsprechend? Zudem bedarf es des Raumes, damit sich die Berufung ganz konkret entfalten kann. Der Rahmen muss also in gewisser Weise passen. Leben wir heute als Christinnen und Christen das Leben, das andere in ihrer je eigenen Berufung stärkt und bestärkt? Ermöglichen wir, dass junge Menschen Gott und ihrer Berufung auf die Spur kommen? Jedes Zeitalter braucht Heilige; vielleicht braucht unser Zeitalter Personen, die vertrauensvoll ihrem Ruf folgen und im Dunkeln tappend und liebend dem entgegengehen, der zu uns spricht, uns ruft und bejaht als das absolute Geheimnis.

 


Zur Person

Dr. Simon KopfDr. Simon Maria Kopf  ist Schul- und Studierendenseelsorger in der Berufungspastoral der  katholischen Kirche Vorarlberg und Gastdozent für Fundamentaltheologie am International
Theological Institute (ITI) in Trumau/NÖ.

CANISIUSWERK
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