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Moderne Propheten

Wie modern ist der Prophet Mohammed?

Mohammed gilt im Islam als Prophet und Gesandter Gottes. Der historisch-kritische Blick auf die wenigen biografischen Quellen zeigt, dass er tatsächlich als moderner Prophet bezeichnet werden kann.

 

Propheten gelten im Islam als Menschen, die durch Inspiration zur Verkündigung von Gottes Botschaft berufen werden. Sie fühlen sich dadurch bewegt, eine göttliche Anweisung, Ermahnung, Warnung oder Vorhersage an die Mitglieder ihrer Gemeinschaft weiterzugeben. Prophetie umfasst daher vier Komponenten: eine transzendentale Quelle, eine göttliche Nachricht, einen menschlichen Verkünder und ein Publikum. Und so stellen Propheten nach islamischer Auffassung eine Brücke zwischen dem Göttlichen und der Menschheit dar.

 

 

Schwierige Quellenlage

Leider wissen wir sehr wenig über Details des Lebens und Wirkens Mohammeds. Grund dafür ist, dass viele Details seiner Biografie erst mehrere Generationen nach seinem Tod festgehalten wurden. Der bekannteste Biograf des Propheten ist Ibn Ishāq (gestorben um 767), dessen Prophetenbiografie uns nicht direkt erreicht hat, sondern durch Ibn Hishām (gestorben um 833) überliefert ist, der die Biografie allerdings nicht direkt von Ibn Ishāq, sondern von einem seiner Schüler übermittelt bekommen hat. Ibn Ishāq selbst ist in der islamischen Tradition nicht unumstritten, so bezeichneten ihn einige seiner zeitgenössischen Gelehrten als unglaubwürdig. Ibn Ishāq wie einige andere neigten dazu, das Leben des Propheten Mohammed zu glorifizieren, und zwar gemäß ihrer eigenen Ideale, und so neigten sie gerade, wenn es um Krieg oder um Männlichkeitssymbole ging, stark zu Übertreibungen. Ibn Ishāq stand damit in der literarischen Tradition der sogenannten „Welt-Chroniken“, die die Geschichte weiterhin als Eroberungsgeschichte interpretierten.

 

 

Autorennotiz:

Dr. Mouhanad Khorchide ist Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

 

 

 

Viele muslimische Gelehrte berufen sich heute auf die koranische Bestimmung der Verkündung Muhammads, die lautet: „Wir [Gott] haben dich [Muhammad] lediglich als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt“ (Q 21:107). Diese Schlüsselaussage des Korans gilt als Maxime, die für Muslime als klare Orientierung für jede Lesart der Biografie und des Schaffens Mohammeds dient. Sein Schaffen muss allerdings im Kontext seiner Verkündigung im 7. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel verortet werden. Wenn er zum Beispiel verkündet hat, dass die Töchter nur die Hälfte von dem erben, was die Brüder erben (Koran 4:11), dann war dies für die damalige Situation ein Fortschritt, der das Subjekt-Sein der Frau betont, die bis dahin in dieser patriarchalischen Stammesgesellschaft nichts erben durfte. Einige Freunde Mohammeds haben sogar diese Zusage an die Frauen, Erbanteile zu bekommen, mit der Begründung abgelehnt, dies würde die gesellschaftliche Strukturen auf den Kopf stellen.

 

 

Den Propheten weiterdenken

Würden Muslime heute bei diesem ersten Schritt des 7. Jahrhunderts stehenbleiben, dann machen sie aus Mohammed einen rückschrittlichen Propheten, der Frauen diskriminiert; verorten Muslime ihn hingegen in seinem historischen Kontext und verstehen seine Verkündigung als unabgeschlossenen Anstoß zum Wandel in Richtung der Würdigung des Menschen als selbstbestimmten Akteur in der Geschichte, dann würden sie nicht den Anspruch stellen, sein damaliges Handeln ins Hier und Jetzt übertragen zu wollen, sondern dieses Handeln fortzudenken und weiterzuentwickeln. Nur dann können wir sagen, dass Mohammed für uns heute ein moderner Prophet ist.

 

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