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Jedes Chaos will ein Anfang sein

Herausforderungen einer Berufungspastoral im Jahr 2022

Was sind die Herausforderungen einer Berufungspastoral im Jahr 2022? Meine jesuitische Prägung empfiehlt als ersten Schritt den Blick auf die Wirklichkeit bei der Suche nach Antworten. Von Clemens BLATTERT.

miteinander 9-10/2022

The concept of the human brain. Education, science and medical concept.  Brain drawn in chalk on black cubes.Female hands put in place the last element of the puzzle.

Als sich die katholische Kirche vor 60 Jahren mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auf einen Reformprozess eingelassen hat, war Kirche in Europa ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Wir dürfen uns in diesem Punkt nichts vormachen: Die Zahl der Kirchenmitglieder wird weiter abnehmen, die Zahl der Theologiestudierenden wird weiter abnehmen, die Zahl der Anwärterinnen und Anwärter auf einen pastoralen Dienst wird abnehmen und es gibt auch keinen Grund zu der Annahme, dass die Entwicklung der Zahlen bei Ordenseintritten oder Priesterkandidaten zunehmen würde. War Kirche noch bis tief in die 90er-Jahre ein anerkannter Teil der Gesellschaft, so wird Kirchenmitgliedschaft heute gefühlt rechenschaftspflichtig. Besonders die Skandale der vergangenen zehn Jahre und der Umgang damit beschleunigten die Entstehung dieses Klimas. Katholisch zu sein wird mehr und mehr als Nachteil erlebt.


Die Trauer zulassen

Unsere Welt, unsere Gesellschaft und damit auch unsere Kirche befindet sich in einem enormen Transformationsprozess. Die Rolle der Kirche in unserer Gesellschaft verändert sich. Ich glaube, das müssen wir uns nicht nur rational, sondern auch emotional klarmachen. Es braucht den Mut, sich einzugestehen, dass man nicht wieder zusammensetzen kann, was zusammengebrochen ist. Es braucht den Mut, zu trauern, den Schmerz zuzulassen. Trauer ist auch eine Form der Würdigung des Guten und Schönen, was da war, aber vergangen ist. Abschied nehmen macht frei für Neues – auch wenn es ungewiss ist.
Ich glaube, dass viele Blockaden, viel Wut, viele Enttäuschungen und viel gefühlte „Erschlagenheit“ in unserer Kirche mit der fehlenden Trauerarbeit zusammenhängen. Berufungspastoral könnte helfen, die Wahrheiten zu betrachten, Schmerz gemeinsam auszuhalten, die Gefühle, die aus Trauer und Abschied entstehen, anzuerkennen. Und vielleicht kann Berufungspastoral den Menschen dabei helfen, sich selbst zu verstehen und zu deuten. Wenn das gelingt, werden Menschen frei, sich neu vom Ruf Gottes locken zu lassen, Abschied zu nehmen und sich seiner Führung ins Ungewisse anzuvertrauen. Jedem Chaos liegt ein Neuanfang inne.


Einbringen und mitgestalten

Wenn ich in dieser chaotischen Gemengelage auf die jungen Menschen schaue, dann nehme ich bei ihnen einen tiefen Wunsch nach einem gelingenden Leben wahr – d. h. Talente entfalten, Zugehörigkeit spüren, eine sinnvolle Tätigkeit haben und mit sich, Gott und der Welt im Einklang sein. Gleichzeitig lebt in der jungen Generation ein starkes Gefühl der Unsicherheit, ausgelöst durch drohende Krisen, politisch, klimatisch oder gesellschaftlich. Sie fühlen sich dem Chaos hilflos ausgeliefert. Im Wunsch nach einer sich entfaltenden Lebendigkeit und im Gefühl der Überforderung suchen junge Menschen nicht in der Kirche Hilfe oder Unterstützung zur Bewältigung. Denn sie vermuten eben nicht, dass der in und mit der Kirche gelebte christliche Glaube für ihre Fragen und ihre Sehnsucht relevant oder sogar hilfreich sein könnte.
Erschwerend kommt eine „Unverträglichkeit“ hinzu: Ihr fluides, an Kompetenz orientiertes Lebensgefühl kann nur schwer an die institutionell, hierarchieorientierte Verfassung der Kirche anknüpfen. Junge Menschen wollen sich einbringen, mitgestalten. Sie akzeptieren nicht, dass Ressourcen zur Gestaltung von Kirche an eine Stufe in der Hierarchie gebunden sind. Wo Kompetenz ist, soll auch Gestaltungsspielraum ermöglicht werden. Zwischen jungen Menschen und der Kirche ist eine tiefe Kluft entstanden. Infolgedessen droht uns als Kirche, eine ganze Generation zu verlieren.
Wie könnte sich Berufungspastoral durch die Botschaft von jungen Menschen herausfordern lassen? Ich glaube, dass diese tiefe Kluft nicht durch ein Mehr an Worten oder ein Mehr an Taten überwunden werden kann. Ein Mehr an Worten gleicht einer Inflation: Man bewirkt immer weniger. Ein Mehr an Taten gleicht nur einem wilden Schlagen mit den Flügeln, ein Aktionismus, der gerade den ersehnten Ruheplatz für die eigene Suche oder die eigenen Sorgen nicht ermöglicht. Stattdessen braucht es eine neue Haltung. Das Konzil schlägt vor, als Kirche zu sagen: „Wir sind unterwegs, wir sind auf der Suche. Möchtest du mitkommen?“ Ich denke, es wäre ein sehr einladendes Zeichen, zur eigenen Suche zu ermutigen und Befähigung für diese Suche anzubieten.


Durchatmen und Kraft schöpfen

Ich nehme wahr, dass durch die Transformation der Welt, der Gesellschaft und der Kirche viele engagierte Seelsorgende in einer ungeheuren Spannung leben. Die Diskrepanz zwischen dem Kontakt zu den Menschen und ihren strukturellen Erfahrungen zerreißt sie fast. Eine Rolle spielen hierbei fehlende Entscheidungen oder fehlender Veränderungswille auf der Leitungsebene, Ratlosigkeit in der Anpassung von Angeboten, aber auch die Anfragen, wie man sich heute für unsere Kirche engagieren könne. Zugleich leben eine tiefe Liebe und Leidenschaft für Gott, für die Menschen und für diese Kirche in ihnen. Das alles bewirkt in den Berufenen Frustration. Ohne es zu wollen, strahlt das auf junge Menschen eher eine abschreckende als eine einladende Atmosphäre aus. Aus meiner Sicht braucht es daher zusätzlich eine Berufungspastoral für bereits Berufene. Es braucht Orte, an denen Engagierte durchatmen, Kraft schöpfen und mit ihrer Berufung wieder in Kontakt kommen können. Der Kontakt zur eigenen Berufung setzt nämlich die Dynamik von Sinnhaftigkeit, fließender Kraft und kreativem Umgang mit neuen Herausforderungen frei.
Niemand weiß, wie Kirche in zehn Jahren strukturell aussehen wird. Die derzeitigen Veränderungen lassen nur erahnen, was die Zukunft bringt. Daher ist es zum jetzigen Zeitpunkt schwierig, zu entscheiden, wo man sinnvoll investiert. Aus meiner Sicht gibt es aber ein Feld, wo Investitionen immer sinnvoll und nie umsonst sind: in Menschen. Berufungspastoral, nein, Kirche insgesamt, sollte viel in einzelne Menschen investieren, in ihre geistliche Persönlichkeitsentwicklung. Das gilt im Blick auf junge Menschen wie auch für kirchlich Engagierte jeden Alters. Aber auch die Seelsorgenden können durch Kompetenzerweiterung gestärkt werden, z. B. in der Ausbildung zu geistlichen Begleiterinnen und Begleitern.


Herausforderung meistern

Unsere Zeiten sind chaotisch. Sie fordern nicht nur die Berufungspastoral heraus, sondern uns alle. Wir müssen der Versuchung widerstehen, uns gegenseitig zu misstrauen, zu konkurrieren oder zu beschimpfen. Die große Berufung, die in diesen Zeiten von Gott an uns ergeht, lautet: Vertraut mir, dass meine Schöpferkraft wirkt. Vertraut mir, dass aus Tod neues Leben wird. Vertraut einander, denn so werdet ihr die Herausforderungen meistern. Vertraut euch selbst, denn in jede und jeden habe ich einen Ruf gelegt. Gönnt euch Sabbatzeiten, denn in den kleinen und großen Sabbatzeiten werdet ihr mein schöpferisches und erlösendes Wirken erkennen, dass mit mir jedes Chaos ein Anfang sein wird.

 


P. Clemens Blattert SJ

P. Clemens Blattert SJ

ist Jesuit und in Frankfurt St. Georgen tätig. Seit 2020 ist er Geistlicher Rektor im Cusanuswerk und leitet seit 2021 das Zentrum für Berufungspastoral in Frankfurt als neuer Direktor

 

 

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