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»Ich bin nur auf der Bühne laut«

Ein Interview mit Hubert von Goisern

Stille kann eine wichtige Triebfeder künstlerischer Kreativität sein. Sie kann aber auch eine Belastung sein, wenn sie Corona-bedingt verordnet wird. Ein Gespräch mit dem Musiker Hubert von Goisern über leise und laute Töne des Lebens, über Religion und Glaube und gestohlene Weihnachtsbäume. Das Interview führte Henning KLINGEN.

miteinander 11-12/2021

 

Den Kulturbereich haben die Lockdowns und Corona-Beschränkungen hart getroffen – keine Auftritte, keine Touren. Wie ist es Ihnen in dieser Zeit ergangen?

Ehrlich gesagt sehr gut. Es ist eines der Privilegien des Alters, dass man gelassener ist, wenn man schon viel gemacht und erlebt hat. Noch dazu lebe ich am Stadtrand von Salzburg, im Grünen. Ich habe die Stille genossen und musste mir auch materiell zum Glück keine Sorgen machen. Dass gerade das bei vielen jungen Künstlern anders ist, ist mir sehr bewusst.

 

Wie haben Sie als sonst viel reisender Künstler die Zeit der verordneten Stille genutzt?

 

Im ersten Lockdown habe ich mein Album „Zeiten&Zeichen“ fertiggestellt. Das war ein Glück, dass ich da so konzentriert und ohne Ablenkung dran arbeiten konnte. Ansonsten bin ich viel in den Bergen gewesen, bin Skitouren gegangen, habe Dinge am Haus repariert, viele Bücher gelesen – einfach Dinge erledigt, die ich vor mir hergeschoben habe.

 

Gab es denn unter Künstlern so etwas wie Solidarität?

 

Ja, die gab es. Ich habe meiner Band gleich gesagt: Macht euch keine Sorgen, ihr könnt jeden Vorschuss haben, den ihr braucht – irgendwann werden wir wieder spielen. Und es gab, dank der elektronischen Möglichkeiten, auch viel mehr Kommunikation untereinander als üblich. Nicht nur weil die Projekte, die sonst den Rhythmus vorgeben, ausgesetzt waren, sondern weil die Verbundenheit spürbar gewachsen ist.

 

Wenn Sie Ihre Lieder durchforsten – von den lauten Hits bis zu den eher leisen Liedern: Wo sind Sie am meisten „bei sich“?

Ich bin eigentlich nur auf der Bühne laut. Ansonsten bin ich eher introvertiert und mag die leisen Töne. Man hört ja auch erst die innere Stimme, wenn das Laute herum weg ist. Wenn man nichts spürt, außer einem Windhauch und dem eigenen Herzschlag – dann höre ich mir selber leichter zu. Im Alltag rauscht alles so dahin, man hat Pläne, permanente Gedanken, Termine. Und dann, wenn’s plötzlich still wird, merkt man erst, was das für ein Wahnsinn ist. Ich erlebe das in der Natur ebenso, wie wenn ich in die Franziskanerkirche gehe oder in der Nacht auf den Balkon hinaustrete.

 

Damit ist bereits das Thema Religion angesprochen. Sie haben da keine Berührungsängste. Was fasziniert Sie etwa an Jesus?

 

Ich habe an Jesus einfach absolut nichts auszusetzen. Ich mag die Geradlinigkeit, mit der er gelebt hat, die Gewaltfreiheit, die Radikalität. Es gibt in seiner Biografie keine dunklen Flecken. Ich habe aber natürlich wie viele andere auch Probleme mit der Interpretation Jesu durch die Kirche. Mir ist der Mensch Jesus als Vorbild näher als die Überhöhung Jesu im Glauben. Also ich tu mich mit dem Christus schwer, mit Jesus bin ich d’accord.

 

Sie waren schon mehrmals auf dem Berg Athos. Warum?

 

Ich mag die Spiritualität, die mir dort entgegenklingt. Ich mag prinzipiell jede Spiritualität, habe auch schon in anderen Klöstern, wie etwa im Stift Sankt Florian, mitgelebt oder Zeit im Kloster Nonnberg in Salzburg verbracht, wo ich den Gesang der Nonnen erleben durfte. Aber am Athos verstehe ich die Sprache und Inhalte der Gebete nicht – und das erleichtert es, die Spiritualität nachzuempfinden. Einfach, weil ich mich nicht an den Inhalten der Gebete stoßen kann, die ich andernorts verstehe.

 

Vor Jahren sprachen Sie einmal davon, gern eine Messe schreiben zu wollen. Ein Wunsch, der fortbesteht?

 

Ich habe tatsächlich einmal davon geträumt und auch schon ein paar Versuche in diese Richtung gemacht, als ich noch häufiger etwa in der Augustinerkirche in Wien die Hochämter erlebt habe. Diese großartigen Messen, diese berührende Musik. Aber wenn es darum geht, dabei das Glaubensbekenntnis zu vertonen, dann steige ich aus. Ich glaube nicht an die eine heilige katholische Kirche. Von dem Bekenntnis hat niemand etwas – und darum geht es im Glauben meiner Meinung nach auch nicht.

 

Schreiben ist manchmal eine einsame Sache, ein Kampf des Autors mit dem weißen Blatt. Ist für Sie Stille insofern auch eine Belastung?

 

Nein. Es ist nicht mehr Stress, als wenn ich in einer Werkstatt handwerklich arbeite. Ich habe einen Rückzugsort in Bad Goisern, wohin ich mich zurückziehe zum Komponieren. Dort läuft kein Radio, kein Fernseher. Ich kann dort stundenlang sitzen, es ist still und dann beginnen irgendwann die Ideen zu fließen. Man muss der Kreativität nur Raum und Zeit geben, darf es nicht erzwingen.

 

Sie gelten als Künstler mit Haltung, mit Botschaft. Kann man mit Musik, mit Kunst die Welt besser machen?

 

Kunst kann die Menschen sensibilisieren. Was sie daraus machen, ist dann ihre Sache. Ich schreibe meine Lieder nicht mit dem Ziel, Leute zu belehren oder eine Botschaft zu vermitteln, sondern weil ich das in dem Moment so empfinde. Das ist es vielleicht, was Künstler auszeichnet: dass sie etwas verdichten, was den meisten selbst auffällt und aufstößt – und das zugleich den Nerv der Leute trifft. Im Idealfall wird man dann sozusagen zum Medium dessen, was man erlebt.

 

Sind Kunst und künstlerische Arbeit insofern auch eine Art Berufung?

 

Ja, das würde ich so sagen. Künstlerische Arbeit braucht eine gewisse Ausschließlichkeit. Man kann nicht kreativ sein zwischen Tür und Angel. Dazu braucht es, wie gesagt, Ruhe, Zeit und Raum – aber auch den Mut, sich dies zu nehmen, und das Risiko, das damit verbunden ist, einzugehen. Daher bin ich auch gegen allzu freigiebige Kunst-Förderprogramme: Nichts sollte selbstverständlich sein, schon gar nicht die Kunst. Kunst braucht die existenzielle Entscheidung. Insofern ist Kunst Berufung, ja.

 

Weihnachten ist die Zeit der Stille. Wie verbringt Hubert von Goisern diese Zeit?

 

Wie jedes Jahr hoffe ich, dass wir die Adventzeit nutzen, um Weihnachtslieder zu üben. Aber es will keiner gern üben – als Musiker ist mir das aber wichtig. Weihnachtslieder gehören zum Heiligen Abend dazu. Wie der Christbaum. Wobei ich wohl auch heuer keinen Baum stehlen werde (lacht). Das ist so eine Tradition aus früherer Zeit, dass man meint, der Wald gehört allen und nicht den Bundesforsten. Aber da das meiner Frau unangenehm ist, wenn ich am Heiligen Abend mit der Säge in den Wald marschiere, bekomme ich jetzt immer einen Baum geschenkt. Ansonsten ist die Weihnachtszeit eine Zeit der Familie – auch wenn die Kinder schon groß sind. Ich bin da ein konservativer Typ. Wobei es immer schwieriger wird, all die Erwartungen, die ich mit Weihnachten verknüpfe, zu erfüllen. Das alles ist in dem Lärm, der uns permanent umgibt, nicht leicht.

 


Hubert Achleitner
geboren 1952 in Goisern, ist ein österreichischer Liedermacher und Weltmusiker. Sein Künstlername Hubert von Goisern spielt auf seinen Heimatort an. 2020 erschien außerdem sein Roman „flüchtig“.
www.hubertvongoisern.com

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