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Denn nur das Schweigen ehrt das Wort

Bilder des Schweigens Gottes

Das Wort hat große Macht im biblischen Glauben. Oft ist es aber das Schweigen, in dem Gott sich erschließt oder verschließt: Eine theologische Annäherung. Von Isabella GUANZINI.

miteinander 11-12/2021

Idyllic autumn scene: Dry autumn leaves falling from the trees and floating on a water surface of the lake. Trees are reflecting in the water.

 

Der biblische Gott offenbart sich als Wort. Sowohl das erste Testament als auch das zweite Testament, wenn wir das Johannesevangelium als Rekapitulation und Epilog der ganzen Bibel verstehen, beginnen mit dem Sprechen: „Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht“ (Gen 1,3); „Im Anfang war das Wort, / und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott“ (Joh 1,1). Das Wort humanisiert das Chaos und die Finsternis, ermöglicht das Leben und macht die Erde bewohnbar. Denn ohne das Wort würde der Mensch dem Abgrund der Kräfte überlassen und den eigenen Ängsten ausgeliefert bleiben. Biblisch ist dann das Sprechen Gottes der Lebensursprung: Wenn Er nicht spricht, wenn Er sein Gesicht abwendet und keine Antwort gibt, bricht der Mensch zusammen: „Zu dir rufe ich, Herr, mein Fels. / Wende dich nicht schweigend ab von mir! Denn wolltest du schweigen, / würde ich denen gleich, die längst begraben sind“ (Ps 28,1).


Das Leben humanisiert sich also dank des Wortes des anderen, nur dank des Segens des Wortes des anderen: Es ist das Wort, das den Menschen bestehen lässt, indem es ihn/sie in eine Beziehung des Sinnes einschreibt. Man kommt schreiend zur Welt – und dank des Wortes kann man in der Welt menschlich bleiben. Der biblische Gott spricht, um sein Volk zu befreien: „Der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid.“ (Ex 3,7). Er offenbart sogar Seinen Namen (Ex 3,14) und schließt mit den Menschen einen Bund durch die Wirksamkeit seines Wortes.


Schweigend das Hören lernen

 

Um dieses Wort zu hören, bedarf man aber des Schweigens, ebenso wie das Wort aus dem Schweigen hervortritt und ihm gehört. Nur das Schweigen ehrt das Wort: Das Wort ereignet sich nur, wenn es gehört wird, wenn es nicht in die Leere fällt, sondern in einem Hören empfangen wird, das nur im Schweigen geschieht. In diesem Sinne ergibt sich ein Rhythmus von Sprechen und Hören, von Wort und Schweigen wie zwischen Hunger und Essen: „Seht, es kommen Tage – Spruch Gottes, des Herrn –, da schicke ich den Hunger ins Land, nicht den Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser, / sondern nach einem Wort des Herrn“ (Am 8,11).


Der jüdische Autor André Neher hat in seinem Buch L’Exil de la parole gezeigt, dass die Bibel nicht ein Buch des Wortes, sondern des Schweigens ist, ebenso wie der biblische Gott ein Gott des Schweigens und nicht des Wortes ist.

 

Ein erstes Bild dieses Schweigens kann man in der stillen Schrift finden, welche das himmlische Firmament schreibt: „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, / vom Werk seiner Hände kündet das Firmament“ (Ps 19,2). Die Natur und die ganze Welt sprechen wortlos über Gott, bezeugend seine Herrlichkeit, die uns sprachlos und ehrfürchtig macht. Papst Franziskus
hat uns in Laudato si’ daran erinnert:


„Von den weitesten Panoramablicken biszur winzigsten Lebensform ist die Natur
eine ständige Quelle für Verwunderungund Ehrfurcht. Sie ist auch eine fortwährende
Offenbarung des Göttlichen.
[…] Diese Betrachtung der Schöpfung erlaubt uns, durch jedes Ding irgendeine
Lehre zu entdecken, die Gott uns übermitteln möchte, denn „die Schöpfung zu
betrachten bedeutet für den Gläubigen auch, eine Botschaft zu hören, eine paradoxe
und lautlose Stimme wahrzunehmen.“
(LS, 85)


Gott im leisen Säuseln

 

Wenn man dann die biblische Gottesrede im berühmten Text aus dem Buch der Könige  betrachtet, wo die Begegnung von Gott und dem Propheten Elija, der kein Prophet mehr sein wollte, erzählt wird, kommt ein anderes, zweites Bild des Schweigens zum Ausdruck: Elija kam aus der Wüste nach Israel, wo er Prophet eines nomadischen Volkes sein und für den alten Jahwe-Glauben kämpfen musste, um die Religionen der umliegenden Völker Israels, die  gewaltige Naturereignisse als ihre Gottheiten anerkannten, zu entmystifizierten. Wegen dieses schwierigen Kampfes musste er in die Wüste fliehen, wo in einer Höhle das Wort des Herrn an ihn erging.


„Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer.
Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.“

(1. Kön 19,11–12)


Die Stimme Gottes hört, wer das „leise Säuseln“ an der Schwelle zum Schweigen wahrzunehmen vermag. Gott offenbart sich hier nicht im Zeichen der Macht oder des Zorns, sondern er wird als leise Stimme einer dünnen Stille oder als Stimme eines feinen Schweigens oder eines leisen Flüsterns vernehmbar. Elija konnte genau dort die Nähe Gottes spüren und verhüllte deshalb sein Gesicht. Gott wird hier spürbar: Sein Wesen und Seine Wahrheit bleiben
ein Geheimnis, dennoch lässt Er sich wahrnehmen.


Vom Schweigen Gottes

 

Es gibt jedoch auch ein drittes Bild des Schweigens, das härter und tragischer zu sein scheint. Hierbei sind wir mit einem Gott konfrontiert, der angesichts der menschlichen Rufe, der Schreie und Klagen dramatischerweise schweigt. Es geht um ein Schweigen Gottes, das Gott wie einen gleichgültigen Vater vor dem Leiden seiner Kinder erscheinen lässt. In Martin Scorseses Film Silence (2016) entspricht Gott, zumindest bis zu einem bestimmten Punkt der Erzählung, einem absoluten und hartnäckigen Schweigen gegenüber den Schreien seiner gläubigen Märtyrer,
die Ihn um Sein Eingreifen und ihre Rettung bitten. Es ist jenes betäubende und unerträgliche Schweigen Gottes, das angesichts des Dramas der Shoah, des Todes unschuldiger Kinder oder jedes sinnlosen Bösen als einfach unmenschlich und skandalös erscheint.


Aber das Schweigen Gottes zeigt sich vielleicht in seiner skandalösesten Form in der Nacht von Gethsemane, denn bei dieser Gelegenheit erlebt Jesus zum ersten Mal in seinem Leben das Schweigen des Vaters. Es ist das Schweigen des Vaters im Angesicht des anrufenden Wortes des Sohnes. Dieses Schweigen verwurzelt Jesus noch tiefer im Menschlichen und offenbart ihn in der Tat als radikal menschlichen Menschen, der, wie alle Menschen, dem Schweigen Gottes
ausgesetzt ist. Hans Urs von Balthasar hat diesbezüglich bemerkt, dass nach dieser sternlosen Nacht, wo Jesus das Schweigen als Verlassenheit erfahren hat, im Zentrum des christlichen Glaubens ein gekreuztes Wort steht: Das bedeutet, dass das Wort nicht alles erklären kann, dass es über sich hinaus verweist, dass es etwas anderes gibt bzw. ein Schweigen, dem kein Wort entsprechen kann.


In diesem Sinne ist Jesus das fleischgewordene Wort, das aus der Stille des Vaters hervorgetreten ist und auf seine Stille bis zum Tod verweist. Er ist das Wort zwischen zwei Momenten der Stille, das uns mit seinem Geist den Weg zeigt, um inzwischen ein Leben in Fülle zu haben, indem wir glauben, dass das Schweigen Gottes mit dem Nichts nie übereinstimmen
kann.

 


 

DDr. Isabella Guanzini
ist Professorin für
Fundamentaltheologie an der Katholischen
Privat-Universität Linz.

 

 

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