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Muss Kirche zu den Menschen gehen?

Teil 2 einer pastoraltheologische Reflexion

Worin besteht mein Dienst in der Kirche und für die Welt? Welche Talente und Fähigkeiten kann ich einbringen? Teil 2 einer pastoraltheologischen Reflexion. Von Michael MAAS.

miteinander 11-12/2021

 

Die Tatsache, dass immer weniger Menschen unsere Gotteshäuser aufsuchen, führt zu einer weit verbreiteten Aussage: „Wir müssen zu den Menschen gehen, wenn sie nicht zu uns
kommen.“ Von einer Komm-Kirche müssten wir uns zu einer Geh-Kirche wandeln. Das ist  grundsätzlich richtig, kennen wir doch das Problem, dass die Kirche von außen vor allem als eine Einrichtung wahrgenommen wird, die Ansprüche stellt. Wir dürfen es den Menschen nicht zu schwer machen, in die Nachfolge Jesu zu starten. Es ist vielmehr unsere Aufgabe, ihnen in ihrer Lebenswirklichkeit zu begegnen, sie mit dem Evangelium in Verbindung zu bringen und so eine Brücke von ihrem Alltag hin zu Gott zu bauen.


Dafür brauchen wir als Kirche ein missionarisches Bewusstsein. Es ist notwendig, für diejenigen da zu sein, die am Rande stehen und auf unsere Hilfe warten. Bevor wir allerdings voller Begeisterung nach außen gehen, sollten wir uns fragen: Haben wir die Kräfte, auch die geistlichen Kräfte, die wir dafür brauchen? Oder bedürfen wir erst noch selbst der Stärkung und Vergewisserung? Das soll die Dynamik des Glaubens nicht verleugnen. Als Christen erleben
wir uns allerdings momentan immer stärker in der Vereinzelung. Was besonders fehlt, ist das Getragensein im gegenseitigen Glauben. Gerade das ist aber notwendig, um nach außen gehen zu können. Jesus ist mit seinen Jüngern erst eine lange Zeit gemeinsam umhergezogen, bevor er sie ausgesandt hat.


Vergewisserung von innen
Damit wir auf andere zugehen und ihnen dienen können, ist es geboten, auf die eigenen Kraftquellen zu schauen. Bevor wir uns für andere einsetzen können, benötigen wir die Stärkung, die wir im Glauben finden. Wo diese fehlt, sind wir für das Nach-außen-Gehen nicht ausreichend vorbereitet. Wenn ich im Winter aus der Sakristei gehe und nur ein T-Shirt anhabe,
dann hole ich mir in der Kälte lediglich eine Grippe – und lande damit wieder in meinen eigenen vier Wänden. Wenn wir uns das Klima anschauen, in dem sich die Kirche gegenwärtig befindet, ist es wohl nicht übertrieben, festzustellen, dass uns ein rauer Wind ins Gesicht weht.

 

Es wäre verfehlt, nur um uns selbst zu kreisen, uns mit uns selbst zu beschäftigen und uns in einer religiösen Kuschelecke gemütlich einzurichten. Denn wir sind als Kirche nicht für uns selbst da, sondern haben einen Auftrag. Dieser führt uns in die Beziehung zum dreifaltigen Gott und von dort zu denen, die unsere Unterstützung brauchen. Damit das gelingen kann, ist es jedoch unerlässlich, uns nicht zu überfordern. Es gilt, gleichermaßen auf die Bedürfnisse der Zeit wie auf unser eigenes Potenzial zu achten. Der christliche Glaube verschließt die Augen genauso wenig vor der Not der Welt wie vor der realistischen Einschätzung der eigenen Möglichkeiten!


Mit Leben erfüllt
Was für die Kirche im Gesamten gilt, trifft auch auf den einzelnen Gläubigen zu. Kirche gibt es gar nicht, wenn nicht viele Einzelne sie bilden. Dem Auftrag Jesu folgen, das kann keine Institution, das können nur Menschen. Für diese ist es hilfreich, wenn sie von einer Gemeinschaft getragen sind. Deshalb braucht es die Kirche. Damit aber das Evangelium bezeugt werden kann, muss es von konkreten Menschen mit Leben erfüllt werden. Nachfolge betrifft jeden und jede von uns ganz persönlich. Da kann man sich nicht entschuldigen oder vertreten lassen.


Das ist einerseits eine große Herausforderung. Anderseits zeigt sich hier, dass jedem Einzelnen eine große Würde und Bedeutung zukommt. Herauszufinden, für wen man da ist, ist eine Gelegenheit, sich selbst einzubringen und dadurch gestalterisch tätig zu sein. Es ist letztlich das Mitwirken am Schöpfungsauftrag Gottes, der auch uns zutraut, seine Schöpfung weiter zu gestalten und kreativ, d. h. schöpferisch, mit ihr umzugehen.


Um diesem Anspruch gerecht zu werden, ist es unsere Aufgabe, so zu werden, wie Gott uns gedacht hat. Dafür müssen wir herausfinden, wie wir dem Auftrag Jesu, in seine Nachfolge zu treten, entsprechen können. Wir müssen nach unserer Berufung fragen, die uns von Gott mitgegeben ist durch unsere Talente und unsere Lebensgeschichte. Von Gott sind wir in unsere Zeit mit ihren verschiedenen Herausforderungen gestellt. Es kommt darauf an, unsere Begabungen für das einzusetzen, was in der jetzigen Zeit benötigt wird.


Nachfolge braucht Zeit
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, für wen wir da sein wollen. Papst Franziskus hat in „Christus vivit“ dargelegt, worauf es dabei ankommt: „Kenne ich mich selbst über den Schein und meine Empfindungen hinaus? Weiß ich, was meinem Herzen Freude bereitet oder was es traurig stimmt? Welches sind meine Stärken und wo sind meine Schwachpunkte? Es folgen unmittelbar weitere Fragen: Wie kann ich besser dienen und der Welt und der Kirche nützlicher sein? Was ist mein Platz auf dieser Erde? Was hätte ich der Gesellschaft zu bieten? Daraus ergeben sich weitere sehr realistische Fragen: Habe ich die notwendigen Fähigkeiten, um diesen Dienst zu leisten? Oder könnte ich sie mir aneignen und entwickeln?“ (CV 285)


Viel wichtiger als nach dem zu fragen, wer wir sind, ist, dass wir danach fragen, für wen wir da sind. Er selbst gibt darauf die Antwort: „Du bist für Gott da, ohne Zweifel.“ Doch bei dieser allgemeinen Aussage bleibt er nicht stehen: „Gott hat gewollt, dass du auch für die anderen da bist, und hat viele Qualitäten, Neigungen, Gaben und Charismen in dich hineingelegt, die nicht für dich sind, sondern für die anderen.“ (CV 286)


Der Dienst an den anderen ist für uns Christen damit als Aufgabe klar formuliert. Die Kirche, die aus vielen Einzelnen besteht, die diesem Auftrag nachkommen, kann sich so den Menschen zuwenden. Sie wird auf diese Weise nicht „alle“ erreichen – wie auch der Einzelne sich nie „allen“ zuwenden kann. Es wird und es darf dabei Schwerpunkte geben. Sie legen sich für zwei Bereiche nahe. Zum einen sind Christen diejenigen, die zu den Bedürftigen gehen, die es in ihrer konkreten Umgebung gibt und denen sie mit ihren Gaben beistehen können. Und sie sind für all jene da, denen sie begegnen und die offen sind für Jesus Christus.


Ihr Einsatz wird dabei immer unvollkommen bleiben in dem Sinne, dass es nie genug ist, was sie einbringen. Das gilt auch für diejenigen, die diese Tätigkeiten als ihren Beruf ausüben. Auch sie werden ihre Grenzen dabei wahrnehmen und hoffentlich anerkennen. So bedauerlich es ist, diese Erfahrung machen zu müssen, so sehr sind wir doch gerade in unserem Glauben von einer großen Gewissheit getragen: Es liegt nicht an uns, die Welt zu erlösen. Gott ist es, der die Welt erlöst hat.


Das lässt uns unsere Aufgaben mit Demut angehen, weil wir darum wissen, dass Gott der Größere ist, der unser Denken und Handeln übersteigt. Wir dürfen uns in seine Hände fallen lassen und darauf vertrauen, dass er zu dem, was wir bruchstückhaft einbringen können, das Seine dazugibt.

 


 

Michael Maas ist

Priester der Erzdiözese Freiburg.

Von 2014 bis Sommer 2021 war er Direktor des diözesanen Zentrums für Berufungspastoral. Seit Herbst 2021 ist er Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Staufen-St. Trudpert.

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