Kontakt

Ihr Ansprechpartner:

Redaktionsleiter "miteinander"

Mag. Lukas Cioni

Stephansplatz 6

1010 Wien

Tel.: +43 1 516 11-1500

 

Sie haben eine neue Adresse? Schreiben Sie uns hier oder rufen uns unter DW 1504 an.

 

Redaktion & Impressum

Themen & Schwerpunkte

Auf der Suche nach dem großen Mehr

Ordensleben als Herausforderung

Im Ordensleben geht es nicht nur ums Beten und Arbeiten, sondern auch darum, als Gemeinschaft und in Gemeinschaft zu wachsen. Ein teils mühsamer Prozess, der dort, wo er gelingt, aber zu tiefer Zufriedenheit führen kann. Von Br. Wolfgang SIGLER OSB.

miteinander 1-2/2022

 

Eine „Zeit der Orden“ hatte Johann Baptist Metz in einem 1977 erschienenen Buch angekündigt. Statt mühseliger Strukturdebatten, durch die sich der organisierte Katholizismus schleppt, müsste eine Ära der radikalen Nachfolge kommen. Demnach ginge es darum, nach charismatischen Menschen Ausschau zu halten, die von innen erneuern, was andernorts wegbröckelt. Zugegeben, es liegt eine eigene Kraft im Traum von der grünenden Kirche.

Man muss jedoch nicht lange recherchieren, um herauszufinden, dass es auch bei den Orden bröckelt: schwindende Eintrittszahlen, finanzielle Schieflagen, aufgegebene Gemeinschaften. Bei so manchen jungen Ordensleuten legen sich angesichts der Rollatoren im Kreuzgang Sorgenfalten auf die Stirn.

 

Zwischen Himmel und Erde

 

Wo kommt die Motivation her, sich einer Situation zu stellen, in der wenige Junge mit einer stetig größer werdenden Anzahl von Senioren umgehen müssen? Eine Möglichkeit ist, das Ordensleben als Versuchslabor eines gemeinsamen Lebens der Generationen zu verstehen. Denn die Beziehung der Suchenden zu einem Wüstenvater oder einer Wüstenmutter stellt geradezu das Kernprinzip der eremitischen und monastischen Lebensform dar. Die, die ein Leben lang die klösterliche Lebensform geübt haben, sind dabei einen geistlichen Weg gegangen und unter bestimmten Bedingungen kann es gelingen, etwas von diesem Erfahrungsschatz, der über bloßes Wissen hinausgeht, weiterzugeben.

Im Gespräch mit jungen Menschen, die sich heute für ein Ordensleben entscheiden, sind die finanzielle Absicherung bzw. gesellschaftliche oder familiäre Erwartungshaltungen keine Argumente für diese Lebenswahl. Im westeuropäischen Kontext ist eher das Gegenteil der Fall. Es geht vielmehr um erfahrbare Berührungspunkte zwischen Himmel und Erde. Was im Letzten zählt, sind Erfahrungen einer Transzendenz, die gleichsam greifbar und immanent wird. Neben den nötigen Phasen von Selbstprüfung und Klärung der Motive geht es für diese Menschen immer – wenigstens auch – um die Suche nach dem großen Mehr.

In den Noviziatsschulungen wird immer auch die Frage nach der persönlichen Gottesbeziehung, deren Gestaltung und Pflege auftauchen. Selten sind dabei Bekenntnisse zu einem großen persönlichen Erwählungsmoment. Dennoch reicht der Ordenseintritt immer auch ins Höchstpersönliche: Wohnverhältnisse, soziales Umfeld, in der Regel die Aufgabe eigenständiger Mobilität. Das eigene Auto zurückzulassen, ist für so manchen eine markante Symbolhandlung. Wer solche Veränderungen auf sich nimmt – und zwar erklärtermaßen aus Glaubensgründen – glaubt nicht mehr unpersönlich und folgenlos. Das gilt für alle in der Gemeinschaft und das verbindet.

 

Langwieriger Schleifprozess

 

In aller Regel wird sich die Radikalität der ersten Entscheidung jedoch normalisieren. Auch ans Klosterleben gewöhnt man sich. Dann setzt ein langwieriger Schleifprozess ein, den Johannes Cassian mit seiner Rede von der „zweiten Entscheidung“ zur Nagelprobe erhebt. Insbesondere der benediktinische Entwurf ist auf eine enge Lebensgemeinschaft hin angelegt.

Wieder und wieder gilt es, Leben-Dürfen und Weiter-Wachsen des Einzelnen mit Fragen der Gemeinschaft in Einklang zu bringen. Akzeptanz individueller Eigenarten ebenso wie der gelegentliche Verzicht auf Sonderbehandlung, Nachsicht mit persönlichen Schwächen, wie auch die Arbeit an sich selbst, sind Facetten dieses beständigen Aushandlungsprozesses. Er kann, auch wo er mühsam ist, zum Übungsweg zwischen Engagement und Loslassen werden, der eine tiefe Zufriedenheit und Güte anderen gegenüber ermöglicht, wie man sie bisweilen bei älteren Nonnen und Mönchen antrifft.

In der monastischen Tradition verbindet sich die Weite des Herzens mit der Offenheit für den Anruf des Göttlichen. Das widerständige Anderssein des Mitbruders wird zum Trainingsfeld dafür, das Anderssein Gottes auszuhalten. Das immanent Mühsame des alltäglichen Miteinanders dient der Öffnung hin auf das Transzendente. Klösterlicher Zusammenhalt gelingt dort, wo sich das Arbeiten miteinander und aneinander wiederkehrend in diesen Wachstumsprozess einfügt. Die Gemeinschaft hat dann einen zusätzlichen tiefen Sinn: Sie hält eine Tür offen.

 

Br. Wolfgang Sigler OSB war Jurist und Kirchenmusiker, bevor er 2015 in die Benediktinerabtei Münsterschwarzach eintrat. Neben seinem Theologiestudium, aktuell in Sankt Georgen, Frankfurt, koordiniert er die Münsterschwarzacher Jugendkurse,

www.abtei-muensterschwarzach.de.

CANISIUSWERK
Zentrum für geistliche Berufe

Stephansplatz 6
1010 Wien

Telefon: +43 1 516 11 1500
E-Mail: office@canisius.at
Darstellung: