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Gemeinwohl geht vor Eigennutz

Ein Plädoyer für die Wiederentdeckung des Gemeinwohls

Wie kommt eine Gesellschaft durch die Krise? Ist der Starke tatsächlich am stärksten allein oder braucht es mehr Solidarität? Essay von Kurt REMELE

 

miteinander 1-2/2022

Vor eineinhalb Jahren wurde in mehreren Bundesstaaten der USA zum ersten Mal das Tragen von Gesichtsmasken verordnet, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Bei einem Teil der Bevölkerung stieß dies auf massive Ablehnung. Als Zeichen des Widerstands setzten einige der Protestierenden Masken auf, auf denen „Tastes like Socialism“ stand.

 

Von Masken- und Impfgegnern werden staatlich verordnete Corona-Maßnahmen bis heute als menschenrechtswidrige Bevormundung und kollektivistische Freiheitsbegrenzung diffamiert. Aus Sicht der katholischen Soziallehre und Sozialethik können Einschränkungen individueller Freiheiten unter bestimmten Bedingungen ethisch zumutbar oder sogar notwendig sein. Im August des Vorjahres erwähnte Papst Franziskus in einem handschriftlichen Brief an den lateinamerikanischen Politikwissenschaftler Roberto Andrés Gallardo?, dass einige Regierungen konkrete Maßnahmen getroffen hätten, um die Menschen vor dem Corona-Virus zu schützen. „Es stimmt“, fuhr Franziskus fort, „dass diese Maßnahmen lästig sind für alle, die dazu gezwungen sind, sich daran zu halten. Aber das ist immer für das Gemeinwohl und eine Mehrheit der Menschen akzeptiert sie ja und zeigt eine positive Einstellung.“

Papst Franziskus verweist in diesem Zitat darauf, wie wichtig die Orientierung am Gemeinwohl ist. Gleichzeitig verweigert er sich einem kulturpessimistischen Lamento, das die Menschen in den Ländern des Globalen Nordens pauschal als egoistisch und genussorientiert abqualifiziert. Die Wirklichkeit ist sowohl laut dem Papst als auch laut vielen sozialwissenschaftlichen Analysen differenzierter. Was also ist mit Gemeinwohl gemeint? Wem ist wohl beim Gemeinwohl? Und warum wird manchen unwohl, wenn sie an das Gemeinwohl denken?

 

Bleibend aufeinander verwiesen

 

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es beim Gemeinwohlgedanken nicht vorrangig um Beschränkungen des eigenen Entfaltungsspielraums durch andere geht, ganz im Gegenteil. Als regulative Idee macht das Gemeinwohlprinzip klar, dass das Wohlergehen des Individuums und die Beschaffenheit der Gesellschaft aufeinander bezogen sind. Soll mein eigenes Leben glücken, hat das etwas mit mir, meinen Fähigkeiten, meinem Handeln zu tun. Aber das Gelingen des eigenen Lebens hat auch etwas mit anderen und mit den Gemeinschaften und Gesellschaften zu tun, in denen ich lebe. Zwar schränken andere Menschen den eigenen Freiheitsdrang ein; das wird uns in der Pandemie schmerzlich bewusst, gilt aber auch bei jeder Verkehrsampel. Doch andere Menschen ermöglichen auch, das eigene Leben so zu gestalten, wie es dem oder der Einzelnen sinnvoll und befriedigend erscheint. Gemeinwohldenken weist darauf hin, dass menschliche Möglichkeiten und vermeintlich eigene Leistungen vorrangig den anderen Menschen, der nichtmenschlichen Natur und glücklichen Zufällen verdankt sind. Kein Heranwachsen ohne elterliche Fürsorge, keine Schulbildung ohne Gewinn in der Geburtslotterie, kein Überleben bei einer schweren Corona-Erkrankung ohne Krankenhäuser und den dort arbeitenden Ärztinnen und Krankenpflegern, Verwaltungsbediensteten und Reinigungskräften.

 

Als Theorie der sozialen Gerechtigkeit und als Praxis solidarischen Verhaltens sollte das Gemeinwohl gerade in Corona-Zeiten eine zentrale Rolle spielen.

 

In der politischen Philosophie hat das Gemeinwohl eine lange Tradition und einen festen Platz, vom antiken Griechenland bis zu heutigen sozialphilosophischen Abhandlungen. Als Theorie der sozialen Gerechtigkeit und als Praxis solidarischen Verhaltens sollte das Gemeinwohl gerade in Corona-Zeiten eine zentrale Rolle spielen. Dabei darf freilich nicht vergessen werden, dass der Begriff historisch belastet und anthropozentrisch verengt ist. Mit dem Hinweis auf ein statisch verstandenes Gemeinwohl wurden und werden obsolete gesellschaftliche Hierarchien festgeschrieben, Angehörige anderer Nationen ausgegrenzt und wird das Wohl empfindungsfähiger Tiere missachtet. Als ethisch adäquat und zeitgemäß erweist sich das Gemeinwohl deshalb nur dann, wenn es dynamisch und global, ökologisch und inklusiv verstanden wird. Heute ist zudem klar, dass gemeinwohlorientiertes Verhalten weder ein für alle Mal definiert noch unhinterfragt und unbegründet von oben verordnet werden kann, sondern in zivilen Diskursen auszuhandeln ist.

 

Wider die Engführung des Gemeinwohls

 

Einen zentralen Platz nimmt das Gemeinwohl in der katholischen Soziallehre und Sozialethik ein. Es wird dort als sozialphilosophisches Prinzip verstanden, das darauf hinweist, dass das Wohlergehen aller Einzelnen, jedes und jeder Einzelnen, nur zusammen mit anderen möglich ist. Menschen sind „persons-in-community“ und „beings-with-others“, wie es die US-amerikanischen Bischöfe formulierten. Die Sozialverkündigung der katholischen Kirche hat die zuvor angesprochene nationalchauvinistische Engführung des Gemeinwohlkonzepts bereits in den 1960er-Jahren aufgebrochen: Die auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil versammelten Bischöfe stellten klar, dass „jede Gruppe … den Bedürfnissen und berechtigten Ansprüchen anderer Gruppen, ja dem Gemeinwohl der ganzen Menschheitsfamilie Rechnung tragen“ müsse. Den strukturell benachteiligten Mitgliedern der Menschheitsfamilie wird zugestanden, sich zu wehren: „Wer aber sich in äußerster Notlage befindet, hat das Recht, vom Reichtum anderer das Benötigte an sich zu bringen.“ Heute klingt diese Aussage geradezu revolutionär.

Es geht zudem darum, sich von einem anthropozentrisch verengten Gemeinwohlverständnis zu verabschieden und eines zu konzipieren, das auch nichtmenschliche Tiere und nichtmenschliche Natur berücksichtigt. Dies ist Papst Franziskus mit seiner 2015 erschienenen Enzyklika „Laudato si`“ gelungen. Der Papst hat darin Aussagen gemacht, die einer öko-zentrischen Ethik nahekommen. „Wir vergessen, dass wir selber Erde sind“, heißt es gleich zu Beginn des päpstlichen Schreibens. „Unser eigener Körper ist aus den Elementen des Planeten gebildet; seine Luft ist es, die uns den Atem gibt, und sein Wasser belebt und erquickt uns.“ (Nr. 2) Der Papst betont sowohl den Eigenwert jedes einzelnen Geschöpfes als auch die Verbundenheit aller Geschöpfe miteinander. Gottes Kreaturen seien durch unsichtbare Bande verbunden und bildeten „eine Art universale Familie […], eine sublime Gemeinschaft, die uns zu einem heiligen, liebevollen und demütigen Respekt bewegt“ (Nr. 89).

Fehlt dieser Respekt und nimmt man frei lebenden Tieren, etwa Fledermäusen, die Lebensräume weg, wird das Auftreten von Zoonosen, Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden, wahrscheinlicher. Das haben wir inzwischen auf schmerzliche Weise erfahren.

 

Dr. Kurt Remele

ao. Univ.-Prof. i. R. für Ethik und Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Graz. Mehrere Gastprofessuren in den USA und in England, Fellow des Oxford Centre for Animal Ethics. Jüngste Publikation: „Es geht uns allen besser, wenn es allen besser geht.“ Die ethische Wiederentdeckung des Gemeinwohls (Grünewald 2021).

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