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Die Würde des Menschen im Mittelpunkt

Interview mit Kardinal Michael Czerny

Er ist der „Krisen-Manager“ des Papstes: Kardinal Michael Czerny im Interview über die Corona-Pandemie, die Umweltkatastrophen und seine persönlichen Fluchterfahrungen. Das Interview führte Daniel SEPER

 

miteinander 11-12/2022

Die Würde des Menschen im Mittelpunkt

Sehr geehrter Kardinal Czerny, Sie sind seit Kurzem Präfekt des 2017 neu geschaffenen "Dikasteriums zur Förderung der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung". Können Sie unseren Lesern zunächst kurz den Auftrag des Dikasteriums beschreiben?

In der von Papst Franziskus am 19. März verkündeten Apostolischen Konstitution Praedicate Evangelium, die die Gliederung der Römischen Kurie und den Auftrag der einzelnen Organe neu gestaltet, heißt es: „Das Dikasterium zur Förderung der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung hat die Aufgabe, die menschliche Person und ihre gottgegebene Würde, die Menschenrechte, die Gesundheit, die Gerechtigkeit und den Frieden zu fördern“. Zu diesem Zweck befasst es sich mit "Fragen im Zusammenhang mit Wirtschaft und Arbeit, der Bewahrung der Schöpfung und der Erde als 'gemeinsames Haus', Migration und humanitären Notsituationen“. Zum Auftrag des Dikasteriums gehört auch das Engagement für „Konfliktverhütung und -lösung“ und „gegen Korruption und für eine gute Regierungsführung“ sowie die Unterstützung von „Initiativen gegen Menschenhandel, Zwangsprostitution, Ausbeutung von Minderjährigen und schutzbedürftigen Personen sowie verschiedene Formen von Sklaverei und Folter“. Und dann die Seelsorge für Seeleute und Flughafenmitarbeiter. Weiter heißt es, das Dikasterium fördere „gerechte Wirtschaftsmodelle“ und ermutige „Initiativen gegen die wirtschaftliche und soziale Ausbeutung armer Länder, asymmetrische Handelsbeziehungen, Finanzspekulationen und Entwicklungsmodelle, die zu Ausgrenzung führen“. Es fehlt nicht an Engagement für die Förderung einer „gerechten und ganzheitlichen Gesundheitsversorgung“.

 

Das Dikasterium wird auch kurz "Entwicklungsabteilung" genannt. Wie kann die katholische Kirche zur Entwicklung der Menschen und der Gesellschaft beitragen?

Das Engagement in den genannten Bereichen zielt auf die Förderung der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung ab, wobei "ganzheitlich" die ganze Person meint, d.h. den Menschen in all seinen Dimensionen, der physischen und der psychischen, der spirituellen und der sozialen, und alle Männer und Frauen, unabhängig von ihrer geographischen Herkunft und ihrer ethnischen, religiösen und kulturellen Zugehörigkeit. Ein Ziel, das von einer klaren Vision des Menschen ausgeht, der nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen wurde - wie die Genesis lehrt - und von Gott selbst "bewohnt" wird. Und der, als Sohn Gottes, der Bruder aller seiner Mitmenschen ist.

 

Herr Kardinal, das Dikasterium, das Sie leiten, ist mit großen Themen wie Schöpfung, Migration etc. betraut. Wie schafft es eine Institution, all diese Bereiche abzudecken?

Die Gemeinsamkeit zwischen den oft sehr komplexen Disziplinen und Themen, mit denen das Dikasterium betraut ist, ist der Mensch und folglich der Ansatz, mit dem die Fragen und Probleme angegangen werden, wobei immer die Würde der menschlichen Person im Mittelpunkt steht. Die Entwicklung der ganzen Person und aller Menschen ist das Ziel der wirtschaftlichen und finanziellen Disziplinen, derjenigen, die sich mit der Welt der Gesundheit befassen, den Fragen der Gerechtigkeit und den Werke der Nächstenliebe sowie der unablässigen Arbeit zur Förderung des Friedens.

"Bei näherer Betrachtung fordert uns der Papst auf, den Ansatz auf den Kopf zu stellen und ´in der Gegenwart damit zu beginnen, die Zukunft vorzubereiten´, und zwar auf zweierlei Weise: mit Wissenschaft und Vorstellungskraft"

Darüber hinaus leiten Sie die COVID 19-Kommission des Vatikans und sind damit mit einer der größten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte konfrontiert. Wie wird die Pandemie Ihrer Meinung nach unser Leben auch in Zukunft beeinflussen?

Der Heilige Vater hat wiederholt erklärt, dass "wir aus einer Krise nicht gleich herauskommen. Wir kommen entweder besser oder schlechter aus ihr heraus. Und wie wir herauskommen, hängt von den Entscheidungen ab, die wir während der Krise getroffen haben". Bei näherer Betrachtung fordert uns der Papst auf, den Ansatz auf den Kopf zu stellen und - wie er bei der Audienz zur Gründung der vatikanischen COVID 19 Kommission sagte - in der Gegenwart damit zu beginnen, "die Zukunft vorzubereiten, und zwar auf zweierlei Weise: mit Wissenschaft und Vorstellungskraft". Das bedeutet, sich vorzustellen, wie die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie aussehen könnten, und jetzt zu handeln, um sie mit dem Wissen, das wir haben, zu verhindern und zu "heilen". Die Menschheit wird nach der Pandemie ein neues Gesicht haben, aber schon jetzt erleben wir, dass "wir alle miteinander verbunden sind" - wie Papst Franziskus wiederholt feststellte - und daher alle für das Wohlergehen unserer Gemeinschaften verantwortlich sind, ebenso wie für das der weiter entfernten Völker und des Planeten, der das gemeinsame Zuhause aller ist.  Die dritte Enzyklika von Papst Franziskus, Fratelli tutti, schlägt gerade die Brüderlichkeit und die soziale Freundschaft als Inspiration für ein Projekt der Veränderung vor.

 

Spätestens seit Laudato si' ist klar, dass Umwelt- und Klimaschutz ein wichtiges Anliegen von Papst Franziskus sind. Welchen besonderen Beitrag kann die katholische Kirche in diesem Bereich leisten?

Die Sorge der Kirche um die Bewahrung der Schöpfung, verstanden als 'gemeinsames Haus' aller Menschen, hat eine tiefe theologische Bedeutung, da sie in biblischen Texten verwurzelt ist. Das Alte Testament lehrt, dass die Menschen aufgerufen sind, die Schöpfung zu bewahren, weil sie die Frucht der Liebe Gottes ist, der sie dem Menschen geschenkt hat. Das Neue Testament sagt uns, dass die Schöpfung ein trinitarisches Werk ist, bewohnt von Gott durch seinen Sohn, der, nachdem er Mensch geworden ist, die Fülle des göttlichen Lebens im geschaffenen menschlichen Fleisch wohnen lässt, und durch seinen Geist, der das Universum belebt, der Materie Leben einhaucht und Ordnung in das Chaos bringt. Aus diesem Bewusstsein ergibt sich die Notwendigkeit einer Beziehung der Sorge, der Achtung und der Liebe zur Schöpfung. In diesem Rahmen leitet uns Papst Franziskus mit der Enzyklika Laudato si' an, diese Beziehung konkret zu gestalten. Das Dikasterium setzt sich daher dafür ein, die Kenntnis und Umsetzung der darin enthaltenen Grundsätze zu fördern, und zwar durch Konferenzen, Debatten und Fortbildungen sowie durch die Unterstützung von Projekten, die von den Ortskirchen, Diözesen, kirchlichen und anderen Einrichtungen gefördert werden. Und durch die Entwicklung der Aktionsplattform Laudato si', die der Heilige Vater als eine Gelegenheit zum Zeugnis und zum Austausch von Erfahrungen, die von der Enzyklika inspiriert sind, gewünscht hat.

 

Nachhaltigkeit ist heute in aller Munde. Wie nachhaltig wird der aktuelle Trend zur Nachhaltigkeit in der Gesellschaft und in der Kirche sein?

Sie wird in dem Maße nachhaltig sein, in dem jeder von uns versucht, sich die Prinzipien der integralen Ökologie zu eigen zu machen und sie in die Praxis umzusetzen, indem wir die Schöpfung als ein Werk betrachten, das die Frucht der Liebe Gottes ist und ihm gehört, und indem wir alle Männer und Frauen als Brüder und Schwestern, als Kinder desselben Vaters betrachten.

 

Wie kann es Christen gelingen, nachhaltig zu leben? Ich meine nachhaltig nicht nur im ökologischen Sinne, sondern auch in einem ganzheitlichen Sinn, in einem geistlichen Sinn, der über das irdische Leben hinausgeht.

Es ist das Evangelium, das die Grundlage des Handelns eines jeden Christen ist, auf welche Dimension des Lebens man sich auch immer bezieht: sei es die Art und Weise, wie man sich zur Umwelt verhält, die als gemeinsames Haus aller verstanden wird, sei es die Beziehung zu den Brüdern und Schwestern in der Nähe und in der Ferne oder auch die persönliche Beziehung zu Gott, im Gebet und in den Werken.

 

Sie wurden in der Tschechoslowakei geboren und sind in Kanada aufgewachsen. Wie wirkt sich Ihr eigener Migrationshintergrund auf Ihre Arbeit aus?

Das Dikasterium widmet durch seine Sektion für Migranten und Flüchtlinge denjenigen, die zur Flucht gezwungen sind, besondere Aufmerksamkeit, damit sie nicht ausgeschlossen oder vergessen werden und am gemeinsamen Wachstum teilhaben können. In der Konfrontation mit den Dramen und Nöten, die das Leben dieser Menschen prägen, kann ich nicht umhin, das Echo meiner eigenen persönlichen Geschichte zu bemerken, und das lässt mich an ihrem Schmerz und ihren Hoffnungen teilhaben. Die Erfahrung der Deportation meiner Eltern während des Zweiten Weltkriegs in Konzentrationslager und zur Zwangsarbeit und später die Entscheidung, unser Land auf der Suche nach einem sicheren Leben zu verlassen, haben meine Kindheit tief geprägt. In jüngster Zeit verschaffte mir diese Erfahrung einen "privilegierten" Blickwinkel, von dem aus ich das Phänomen der Migration, die Millionen von Menschen aufgezwungen wird, betrachten kann. Eine Spur davon findet sich im Wappen, das entworfen wurde, nachdem der Heilige Vater mich zum Kardinal ernannt hatte. Es zeigt ein Beiboot mit vier Personen an Bord, eine moderne Darstellung der "Flucht nach Ägypten" von Maria, Josef und Jesus, die meine Familie erlebt hat.  Und das Brustkreuz, das ich trage, ist aus dem Holz eines ausrangierten Fischerbootes gefertigt, das seine letzte Überfahrt über das Mittelmeer zur Insel Lampedusa machte. Die abblätternde rote Farbe symbolisiert das Leiden Christi, und das hellere Holz darüber deutet auf die Auferstehung unseres Herrn und die Fülle des Lebens hin, die er bringen wollte. In Bezug auf die jüngsten Missionsreisen im Namen des Heiligen Vaters in die Ukraine habe ich leider die Gefühle wiedererlebt, die meine Familie als Flüchtlinge erlebt hat. Aus Angst seine Heimat und sein Leben zu verlassen, bedeutet, einen wertvollen Teil seiner selbst aufzugeben. Lassen Sie uns also die zu vielen Kriege, die bereits im Gange sind, und alle zukünftigen, mit allen Mitteln vermeiden und abwenden. Stattdessen sind wir alle - Christen, Gläubige, Bürger, alle - aufgerufen, willkommen zu heißen, willkommen zu heißen, willkommen zu heißen.

"Die `Waffen des Evangeliums` - so der Papst - `sind das Gebet, die Zärtlichkeit, die Vergebung und die unentgeltliche Nächstenliebe' . Dies ist der Weg, den es zu gehen gilt."

Sie sind vor kurzem in die Ukraine gereist, die vom Krieg erschüttert ist. Wie kann angesichts der verhärteten Fronten wieder nachhaltig Frieden einkehren?

Seit Beginn des Krieges hat der Heilige Vater zum Frieden aufgerufen, zu echten Verhandlungen, konkreten Gesprächen für einen Waffenstillstand und eine nachhaltige Lösung. Er warnte vor der "Versuchung eines falschen, auf Macht basierenden Friedens, der dann zu Hass und Verrat an Gott führt", eines Friedens, der mit Gewalt errungen und aufgezwungen wird, und erinnerte daran, dass "der Friede Jesu die anderen nicht überwältigt, er ist niemals ein bewaffneter Friede", "er ist nicht die Frucht irgendeines Kompromisses, sondern wird aus der Selbsthingabe geboren" und "folgt dem Weg der Sanftmut und des Kreuzes". "Die Waffen des Evangeliums - so der Papst - sind das Gebet, die Zärtlichkeit, die Vergebung und die unentgeltliche Nächstenliebe" . Dies ist der Weg, den es zu gehen gilt.

 

Unsere Zeitschrift "Miteinander" wird vom Canisiuswerk herausgegeben, das für die Berufungspastoral in Österreich zuständig ist. Was empfehlen Sie, um Berufungen für die Zukunft in der Kirche in Österreich nachhaltig zu fördern?

In seiner Botschaft zum 59. Weltgebetstag für geistliche Berufe am 8. Mai hat der Heilige Vater daran erinnert, dass wir "berufen sind, die Menschheitsfamilie aufzubauen", berufen, aufeinander und auf die Schöpfung zu achten und dem Ruf Gottes zu folgen, unser Potenzial in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen. Der Papst bittet uns, auf das "Wort Gottes zu hören, das uns von der Selbstbezogenheit befreit und uns in besonderer Weise zu reinigen, zu erleuchten und neu zu erschaffen vermag", und uns von seinem liebevollen Blick berühren zu lassen, der uns über uns selbst hinausführt. In seiner Ansprache an die Priester hatte er festgestellt, dass die Entscheidung, sich Gott im Dienst zu weihen - wie für die Ehe - Mut erfordert und eine Verpflichtung mit sich bringt und neben dem Wunsch und dem Elan auch Schwächen und Ängste birgt. Angesichts dieser Schwächen bittet uns der Herr, nicht den Blick von ihm abzuwenden, um nicht Gefahr zu laufen, unterzugehen, denn er will uns wie Petrus fähig machen, "auf dem Wasser zu gehen", das heißt, unser Leben in die Hand zu nehmen, um es in den Dienst des Evangeliums zu stellen, im Vertrauen darauf, dass, wenn er ins Boot steigt“, das heißt, wenn wir ihn in unser Boot lassen, „der Wind aufhört und die Wellen sich legen". Außerdem ist es unsere Berufung, wie Jesus seine Jünger in einer anderen Situation auf dem Meer ermahnte: "Fahrt hinaus in die Tiefe - Duc in altum!" (Lk 5,4), das ist die Ermutigung für jeden, seiner Berufung mutig, mit ganzem Herzen, mit Freude und mit Fruchtbarkeit zu folgen.

 

 


Cardinal Michael Czerny is pictured in Rome Oct. 2, 2109. (Photo by Paul Haring)

Kardinal Michael Czerny SJ

ist Präfekt des 2017 neu geschaffenen „Dikasteriums zur Förderung der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung“. Im März 2022 reiste er im Auftrag von Papst Franziskus u. a. in die Ukraine, um humanitäre Hilfsgüter zu übermitteln.

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