Mag. Lukas Cioni
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miteinander-Magazin
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„Du bist Theologe? Glaubst du das denn das alles, was der Pfarrer erzählt?“ Fragen wie diese gehören seit Studienzeiten zu den „Standards“, mit denen ich konfrontiert wurde und werde. Es ließe sich gewiss viel darauf antworten. Etwa, dass eine wissenschaftliche Befassung mit Theologie nicht mit unkritischer „Hörigkeit“ einem Pfarrer oder – korrekter – dem Lehramt gegenüber einhergeht. Dennoch empfinde ich die Frage, ob ich denn „das alles“ glaube, bis heute wie einen Stachel im Fleisch. Denn sie verlangt eine aufrichtige Antwort auf die Frage, ob denn „das alles“, was wir an Glaubensgut mitschleppen, nicht eigentlich vollkommen unglaublich ist. Anders formuliert: Was können wir hinlegen an Argumenten, an Lebenszeugnis, damit der Glaube nicht nur glaubwürdig, sondern glaub-würdig wird?
Wer glaubt, hat ein Problem mehr: denn er muss die Welt mit
einem gütigen und allmächtigen Gott zusammendenken.
Viele Kommilitonen konnten regelrechte Berufungsgeschichten über ihren Weg in die Theologie erzählen. Ich nicht. Zu fragil erscheint mir der Glaube bis heute, als dass eine persönliche, emotional gefärbte Berufungserfahrung allen Zweifel, alles Ringen um einen möglichst rationalen Zugang zum Glauben hinwegwischen könnte. Um glaub-würdig zu sein, musste mir die Theologie schon mehr bieten. Dieses „Mehr“ erlebte ich gleich in meiner ersten Vorlesung 1996 in Münster. Es war ein Gastvortrag von Rabbiner David R. Blumenthal. Er rezitierte darin Psalm 44: „Wach auf! Warum schläfst du, Herr? Erwache, verstoß nicht für immer! / Warum verbirgst du dein Angesicht, vergisst unser Elend und unsre Bedrückung?“ Es war kein Mehr in Form ausgefeilter Argumente; es war ein Mehr, das half, den Horizont des Gewohnten zu überschreiten.
Wer glaubt – das wurde mir schlagartig bewusst –, der hat nicht ein Problem weniger, sondern ein Problem mehr. Denn er muss die Welt in ihrer Abgründigkeit und mit all ihrem gottverlorenen Leid mit einem Gott zusammendenken, der gütig und allmächtig ist. Das ging für den Rabbiner nur in Form einer radikalen Infragestellung und Anklage, ja, im Aufruf an Gott, dass er sich endlich als jener erweisen möge, den wir bekennen. Das hat mich gepackt – und bis heute nicht mehr losgelassen. Wo dem Glauben und Glaubenden eine Antwort gelingt, die dieser Dunkelheit standhält, dort wird der Glaube glaub-würdig. Dort gelingt wirklicher Trost, dort entsteht Hoffnung, die trägt. Gerade die kommenden Wochen, in denen wir durch die Fastenzeit auf Ostern zugehen, sind ein guter Anlass, sich der Dramatik unseres Glaubens erneut bewusst zu werden. Oder um es mit Psalm 44 herauszurufen: „Steh auf, uns zur Hilfe! In deiner Huld erlöse uns!“

miteinander-Chefredakteur Dr. Henning Klingen