Mag. Lukas Cioni
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miteinander 5-6/2026

Der christliche Glaube spannt einen ganz großen Bogen. Er spricht den Menschen als handelndes, als denkendes und auch als fühlendes Wesen an. Wer glaubt, sucht zu
verstehen – und wird zugleich berührt. Darum lässt sich der Glaube weder auf rationales Fürwahrhalten reduzieren noch auf ein bloßes Gefühl religiöser Ergriffenheit. Seine Wirklichkeit entsteht im Zusammenspiel aller drei Dimensionen. In der christlichen Tradition war die Spannung von „fides et ratio“, also Glaube und Vernunft, immer präsent. Die Theologie hat früh darauf bestanden, dass der Glaube nicht gegen die Vernunft steht. Er sucht Einsicht. „Seid stets bereit zur Rechenschaft über die Hoffnung, die in euch ist“ (1 Petr 3,15) – dieser Satz der frühen Kirche macht deutlich, dass Glauben auch argumentieren, prüfen und verantworten
bedeutet. Glaube denkt. Er fragt nach Wahrheit, nach Sinn und nach der Gestalt eines verantwortbaren Lebens.
Mitgefühl und Solidarität
Und doch wäre es eine Verkürzung, den Glauben allein in dieser Auseinandersetzung mit der Vernunft zu verorten. Die biblische Sprache selbst ist das lebendigste Plädoyer für eine Erweiterung. Immer wieder ist dort nämlich vom „Herzen“ die Rede – jenem inneren Zentrum des Menschen, in dem Erkenntnis, Vertrauen und Empfindung zusammenkommen. Wenn Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt, beginnt die entscheidende Bewegung nicht mit einer Analyse, sondern mit einer Wahrnehmung: Der Samariter „sah ihn und hatte Mitleid“ (Lk 10,33). Aus dieser inneren Regung entsteht Handlung. Das Mitgefühl wird zum Anfang konkreter Solidarität. Gerade hier zeigt sich eine grundlegende Dynamik des Glaubens. Emotion – oder alternativ: Mitgefühl, Anteilnahme, „Compassion“ – ist nicht bloß ein beiläufiges Element religiöser Erfahrung. Sie kann ein Erkenntnismoment sein. Mitgefühl öffnet den Blick für die Wirklichkeit des anderen Menschen. Wer sich berühren lässt, hält inne und erkennt etwas, das rein distanzierte Beobachtung leicht übersieht: die Dringlichkeit von Leid, die Würde
des anderen, die moralische Zumutung einer Situation.
Vernunft als Korrektiv
Doch zugleich bleibt solche emotionale Anteilnahme auf Orientierung angewiesen. Gefühle können täuschen, sie können flüchtig sein oder selektiv. Mitgefühl mit den Nahen ist leichter als mit den Fernen; spontane Betroffenheit kann ebenso rasch wieder verschwinden. Darum braucht das Gefühl die Klärung durch die Vernunft. Theologische Reflexion fragt: Was bedeutet
dieses Mitgefühl? Wohin führt es? Welche Verantwortung folgt daraus? In dieser Wechselbeziehung liegt eine produktive Spannung. Vernunft prüft, ordnet und interpretiert. Sie schützt den Glauben davor, sich in bloßer Stimmung oder religiöser Sentimentalität zu verlieren. Und richtig ist deshalb: Ein Gefühl ist noch kein Argument, eher ein Indikator, eine Aufforderung, weiter nachzufragen, genauer hinzuschauen, eine Situation vollständiger wahrzunehmen. Das Gefühl wiederum bewahrt die Vernunft davor, kalt und abstrakt zu werden. Ohne emotionale Resonanz bliebe der Glaube ein System von Gedanken, vielleicht konsistent, aber existenziell unbeteiligt. Erst als fühlende Wesen sind wir Menschen als Ganze beteiligt.
Bewegung des Herzens
Die Bibel kennt keinen Gegensatz zwischen beiden. Vielmehr erscheint der Mensch als Einheit von Denken, Fühlen und Handeln. Besonders deutlich wird dies in der Rede von der Liebe als zentrale Gestalt des Glaubens. Wenn Paulus im ersten Korintherbrief schreibt, dass Erkenntnis allein „aufbläht“, während die Liebe „aufbaut“ (1 Kor 8,1), richtet sich seine Kritik nicht gegen das Denken selbst. Vielmehr erinnert er daran, dass Erkenntnis ohne Beziehung und Empathie ihre Orientierung verlieren kann. „Liebe“ kann als der Modus beschrieben werden, in dem die Dimensionen des Menschseins – Denken, Handeln und Fühlen – im Blick auf ein Gegenüber zusammengebracht werden und nicht gegeneinander streben. Deshalb lässt sich sagen: Weder Gefühl noch Vernunft stehen im Glauben „höher“ als das jeweils andere. Beide sind aufeinander angewiesen und erst aus ihrem Miteinander öffnet sich die Perspektive für das richtige Handeln. Emotion kann der Anfang einer Erkenntnis sein; Vernunft kann diese Erkenntnis vertiefen und stabilisieren. Im Zusammenspiel entsteht jene Form von Glauben, die zugleich reflektiert und berührbar bleibt. Für eine theologische Ethik ist diese Einsicht entscheidend. Denn Solidarität beginnt selten mit einem Argument. Sie beginnt oft mit einer Erfahrung – mit dem Moment, in dem das Leiden anderer uns nicht gleichgültig lässt. Glaube verbindet beides: die Bewegung des Herzens und die Arbeit des Denkens.

Dr. Daniel Bogner
ist Professor für Allgemeine Moraltheologie und Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.