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Pflaster drüber

Editorial aus dem "miteinander" | Ausgabe 9-10 / 2026

Von Chefredakteur Henning KLINGEN

 

Mein Opa war ein Wunderheiler. Also eigentlich war er Polizist, aber er wusste, wie man aufgeschlagene Knie, blutige Kratzer oder einfach ein wenig Seelenschmerz ganz rasch wieder heil macht. Einfach ein Pflaster drüber oder eine Salbe drauf – und alles war wieder gut.

Wäre es nicht wunderbar, wenn solch einfache Hausmittelchen auch in den großen Unheilsituationen dieser Welt helfen könnten? Tatsächlich fiel es aktuell ja sogar trotz des wunderbaren Sommerwetters schwer, darin nicht ein Moment des Katastrophischen, des Unheils zu erkennen. Wochenlange Hitze und Trockenheit – die Vorboten der kaum mehr aufzuhaltenden Klimakatastrophe. Dazu die vielen, bedrängend nahen kriegerischen Konflikte, das massenweise und zugleich anonyme Sterben. Von Heil und Heilung keine Spur.

„Heil und Heiligkeit bezeichnen Dinge von besonderer Reinheit.

Ein Geschenk, das wir uns nicht selber machen können.“

1944, gleichsam in das infernale Finale des Zweiten Weltkrieges hinein, schrieben die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer den Satz: „Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ Die durchtechnisierte, auf Effizienz und Naturbeherrschung ausgerichtete Welt war es, die gerade nicht einen besseren, reiferen Menschen, sondern das kriegerische Massensterben, das endlose Leiden und selbst das Grauen von Auschwitz hervorbrachte.

 

Heute wittern die Propheten der Technik- und KI-Revolution wieder Morgenluft und streuen das Versprechen, dass nur die Technik uns retten könne. Dabei übersehen sie, dass Heil und Heilung ein überschießendes, ja, religiöses Moment besitzen. Heil und Heiligkeit bezeichnen Dinge von besonderer Reinheit. Ein Geschenk, das wir uns nicht selber machen können. Zugleich gilt: Wer vom Heil spricht, sollte von Heilung nicht schweigen. So kann ein Arzt, eine Therapeutin zwar heilen bzw. Körper und Geist dazu bringen, Selbstheilungskräfte freizusetzen, doch wirkliche Heilung bleibt stets auch ein Geschenk. Vielleicht sollten wir uns in diesen so bedrängnisvollen Tagen und manchem mit Technik und KI verknüpften Heilsversprechen dessen erinnern: Heil kann man nicht „machen“; man kann ihm nur den Weg bereiten, es aber selber nicht erzwingen.

Mein Opa wusste wohl darum. Denn ihm war völlig klar, dass seine Pflaster bei verstauchten Knöcheln praktisch machtlos waren. Und auch die Wundersalbe, die uns Enkeln so oft geholfen hat, entpuppte sich später als einfache Handcreme ... Doch zumindest für den Moment galt: Pflaster drauf, Aua weg. Heile, heile Gänschen.

 


miteinander-Chefredakteur Dr. Henning Klingen

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