Mag. Lukas Cioni
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miteinander 5-6/2026

Einige Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist!“ Dieses ironisch wirkende, womöglich aber gar nicht so ironisch gemeinte Zitat des schottischen Fußballspielers und späteren langjährigen Trainers des FC Liverpool, Bill Shankly (1913–1981), verdeutlicht, was Fußball einem Menschen bedeuten kann. Und mit dieser Perspektive auf den Fußball ist Shankly vermutlich nicht allein. Weltweit bekennen sich schätzungsweise rund 3,5 Milliarden Menschen zum Fußball. Für viele mag diese Beziehung zum Fußball eine eher oberflächliche oder gar austauschbare sein.
Für einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Fußballbegeisterten ist Fußball jedoch mehr als bloß eine Sportart, für die man sich als Fan, Spieler bzw. Spielerin, Trainer, Trainerin, Schiedsrichter und Schiedsrichterin oder als Funktionär interessiert. Viele verbinden mit dem Fußball Sinnstiftung und erleben dort ein echtes Gemeinschaftsgefühl. In diesem Kontext jauchzt man nicht nur bei Erfolgen gemeinsam himmelhoch, sondern steht auch in Stunden sportlichen Misserfolgs Seite an Seite und meistert diese schwierigen Phasen gemeinsam.
"Viele verbinden mit dem Fußball Sinnstiftung
und erleben dort ein echtes Gemeinschaftsgefühl."
Licht- und Schattenseiten
Betrachtet man nun die Funktionen und Beiträge des Fußballs für Individuum und Gesellschaft aus etwas größerer kritischer Distanz, lassen sich sowohl Licht- als auch Schattenseiten erkennen. Zweifellos besitzt der Fußball eine wichtige integrative Funktion. Er bringt Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten entweder auf oder neben dem Platz zusammen. Gerade im Kinder- und Jugendfußball spielt dieser integrative Aspekt eine zentrale Rolle. Hier werden grundlegende soziale Kompetenzen eingeübt und gefestigt. Dazu gehören etwa Teamfähigkeit, der konstruktive Umgang mit Niederlagen sowie die Achtung und der Respekt gegenüber anderen, zum Beispiel gegenüber Gegnern oder Schiedsrichtern.
Darüber hinaus bietet der Fußball auch einen Raum für Kontingenzbewältigung. Spiele verlaufen häufig unvorhersehbar, Ergebnisse bleiben bis zuletzt offen und nicht jede gute Leistung führt automatisch zum gewünschten Erfolg. Spieler und Spielerinnen wie auch Fans lernen dadurch, mit Unsicherheit, Zufall und unerwarteten Wendungen umzugehen. Fußball kann damit eine bedeutsame Lebensschule sein, und das bis ins hohe Erwachsenenalter hinein. Gleichzeitig zeigen sich im Fußball jedoch auch immer wieder seine Schattenseiten.
Zu nennen ist etwa die im Profifußball, zunehmend aber auch in Teilen des Amateurbereichs sichtbare Überbetonung ökonomischer Interessen. Ebenso problematisch erscheint die immer stärkere politische Vereinnahmung des Fußballs, etwa im Kontext der FIFA und des Wirkens ihres Präsidenten Gianni Infantino. Diese zeigt sich beispielsweise bei der Vergabe von Fußballgroßereignissen und zuletzt in der äußerst bizarr anmutenden Schaffung und Vergabe eines „FIFA Friedenspreises“ an Donald J. Trump. Hier droht der Fußball selbst zur Nebensache zu werden und zum Mittel für andere Zwecke zu verkommen. Hinzu kommt das in vielen Ländern sichtbare – wenn auch mancherorts teilweise eingedämmte – Gewaltproblem. Ausschreitungen im Zusammenhang mit Fußballspielen, rivalisierende Fangruppen, deren Energie sich in physischen Auseinandersetzungen entlädt, kommen immer wieder vor. Besonders verbale Gewalt in Form von Beleidigungen, Beschimpfungen und Respektlosigkeiten gehört leider auf vielen Fußballplätzen – vom Kinder- bis zum Erwachsenenfußball – zum Alltag.
Verbindendes und Trennendes
Fußball kann für uns persönlich und auch für unsere Gesellschaft viel leisten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass es rund um den Fußball Entwicklungen und Dynamiken gibt, die einer gewissen Kurskorrektur bedürfen. Kurz zusammengefasst: Fußball kann verbinden, er kann aber auch trennen. Aus ethischer Perspektive wäre es daher wesentlich, die kohäsiven Kräfte des Fußballs zu stärken und gleichzeitig seine problematischen Entwicklungen kritisch zu korrigieren.
Der „Spirit of the Game“ kann hier eine wichtige Orientierungsquelle sein. Gemeint ist damit das Ethos des Fußballs, also zentrale Werte wie Fairness, Achtung, Respekt, Integrität und Toleranz. Diese Werte sollten sowohl im konkreten Spiel als auch im Fußball insgesamt als Maßstab für individuelles wie kollektives Handeln dienen. Würden sich alle am Fußball Beteiligten stärker an diesem Geist orientieren und sich von ihm leiten lassen, ließe sich das verbindende und gesellschaftlich wertvolle Potenzial des Fußballs noch deutlicher entfalten.

Dr. Thomas Gremsl
ist Professor für Ethik und Gesellschaftslehre an der Katholisch- Theologischen Fakultät der Universität Graz. Er forscht u.a . zu Fragen der Sportethik und ist selber Vorstandsmitglied und Mitglied in mehreren Kommissionen des Steirischen Fußballverbandes und dort auch als Schiedsrichterbeobachter tätig.