Mag. Lukas Cioni
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miteinander-Magazin
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miteinander 5-6/2026

Wie sieht gelebte Berufung aus? Was wusste ich am Anfang von diesem Weg? Von dem, was es heißt, als Mönch zu leben. Zum Glück hatte ich in meinem Abt einen guten Lehrmeister, um von all den Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeiten, die mich fasziniert haben, ins Wesentliche zu finden. Das, worauf es ankommt und was mich zum Mönch macht. Lange habe ich gebraucht, um es halbwegs zu verstehen. Es wäre eine glatte Lüge, zu sagen, es heute nach so vielen Jahren wirklich zu können, meine Berufung zu leben. Wie authentisch bin ich denn? Helfe ich Menschen, ihren Weg zu Gott zu finden? Oder bin ich ihnen dabei ein Hindernis? Vielleicht sogar ein schlechtes, abstoßendes Beispiel, wenn mir selbst Zweifel und Fragen ständige Begleiter sind? In einer Zeit, in der Menschen auf Antworten warten und Sicherheit suchen, wenn nichts sicher scheint. In einer Welt, in der ein Priester den Menschen Gott nicht „erklären“ kann – weder durch sein christliches Leben, sein Priesterdasein noch dadurch, wie er seine Berufung lebt.
Ora et labora
Ich gebe es zu, früher im Kloster war’s einfacher – zum Beispiel mit den fixen Gebetszeiten oder dem geregelten Tagesablauf durch das „Ora et labora et lege“. Jetzt, als sogenannter „Weltpriester“, bin ich allein auf mich gestellt, um dem Tag eine Struktur zu geben – etwa durch regelmäßige Gebetszeiten. Mir ist klar geworden: Es geht dabei nicht ums „Persolvieren“, ums „Herunterbeten“ der Psalmen. Sondern um eine lebendige Beziehung zu Christus. Denn auch Beten kann „leblos“ sein. Berufung kann zum bloßen Funktionieren verkommen. Zu einem Tun aus Routine und Gewohnheit. Der Gefahr bin ich mir tagtäglich bewusst. „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen … und ich kreise um Gott“, schrieb Rainer Maria Rilke. Berufung leben ist eine Herausforderung. Ein Kreisen um Gott. Voller Höhen und Tiefen. So lebe ich meine Berufung, die mich durch viele Krisen geführt hat – auch als ich aufgeben wollte oder ich Gott oft außen vor gelassen habe. Aber ich kann nicht anders. Vor allem: Ich kann auch nichts anderes! Es waren wertvolle Menschen, die mich ermutigt haben, meine Berufung nicht hinzuschmeißen. Schließlich wachse und wuchs ich nicht durchs „Funktionieren“ – sondern durch die Herausforderungen.
Mit und für die Menschen
In all den Zweifeln und Fragen. In den Unsicherheiten, Gott „erfahrbar“ zu machen. Dabei halte ich es mit dem heiligen Benedikt. Für den Berufung sich darin zeigt, ob einer wirklich Gott sucht. Ich flüchte mich nicht in Kalendersprüche, wenn ich nicht mehr kann. Sondern in meine Sehnsucht. In mein bescheidenes Bemühen. So lebe ich meine Berufung. Und dadurch bleibe ich auf der Suche nach Gott. Mit den Menschen und für die Menschen! Einfach durch mein Dasein.

Stefan Jagoschütz
ist Domkurat von St. Stephan und Aushilfsseelsorger.