Mag. Lukas Cioni
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miteinander 5-6/2026

Herr Marboe, Künstliche Intelligenz, Soziale Medien und gesellschaftliche Probleme - wie reagiert die Jugend auf diese Umbrüche? Stumpft sie dadurch ab und verliert sie an Empathiefähigkeit?
Diese Frage kann ich pauschal nicht beantworten, weil jede junge Person unter anderen Rahmenbedingungen lebt. Lebt ein junger Mensch etwa am Land, kann Social Media gegen Vereinsamung helfen. Negativen Einfluss haben Soziale Medien, wenn diese von Algorithmen gesteuert, in endlosen Reels kommerziellen Zwecken dienen. Das können wir mit Daten der Mental Health Studie belegen, in der erhoben wurde, dass Soziale Medien mit der Lebenszufriedenheit in Zusammenhang stehen bzw. sich darauf auswirken. Wir stellen fest, dass jene jungen Erwachsenen, die mehr als der Durchschnitt auf Sozialen Medien aktiv sind, mehr depressive Symptome aufweisen als andere. Wenn sie sich nicht wohl fühlen, können sie nicht mit offenen Herzen auf andere Menschen zugehen.
Wie macht sich das bemerkbar?
Depressive Symptome führen zu Rückzug. Die wahrgenommene Welt wird enger und die Kommunikationsbereitschaft sinkt – auch in Familie und Schule. Erziehungsberechtigte, Pädagog:innen sowie Ausbildner:innen sollten dennoch nie aufhören, den Kindern und jungen Erwachsenen dabei zu helfen, möglichst viele Dinge im Leben kennenzulernen. Je mehr Lebenswelten wie Kultur, Sport oder Wissenschaft einem Kind vertraut sind, desto weniger gerät es in eine Abhängigkeit wie vom Handy.
Was verstehen Sie unter mentaler Gesundheit?
Mentale Gesundheit hat nichts mit einer Krankheit zu tun. Sie ist kein Nischenthema mehr, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Sie beschreibt die seelische Gesundheit von Personen und muss ausgeglichen sein.
Sie beschreibt die seelische Gesundheit von Personen und muss ausgeglichen sein. Ältere gegen Jüngere – auch im Nutzungsverhalten gibt es Unterschiede. Wie sehen diese im Konkreten aus?
Hassnachrichten und Fake News haben nicht die jungen, sondern die älteren User (über 35 Jahre) in die Welt gebracht. Auf Plattformen wie Telegram, Facebook oder X regieren Hass und Fehlinformationen. Ohne die Gefahren Sozialer Medien schmälern zu wollen, stellt sich der Alltag junger Menschen auf Plattformen oft anders dar: Themen aus der Welt der Musik, der Spiele, Kochrezepte oder Tanzschritte beschreiben deren Inhalte mit wesentlich weniger Hass und Desinformation als bei den Alten. Die Kommunikation ist fröhlicher. Wir können belegen, dass sich der gegenseitige Austausch über Messenger Dienste nicht negativ auf das psychische Wohlbefinden junger Menschen auswirkt. Wenn sie sich direkt schreiben, werden sie auch von keinen Algorithmen beeinflusst. Von vielen Eltern würde ich mir wünschen, dass sie ihren Nachwuchs daher nicht verurteilen, sondern sich interessiert zeigen und auf die digitale Alltagswelt der Kinder einlassen.
Wie können Eltern bei ihren Kindern das Bewusstsein für einen gesünderen Umgang mit dem Smartphone wecken?
Indem sich Eltern nicht über die Handynutzung ihrer Kinder aufregen, sondern sich dafür interessieren – etwa Koch- oder Backrezepte, die sich Kinder untertags ansehen, abends gemeinsam mit ihnen zuzubereiten. Auch meine Enkelkinder sind gern am Handy. Aber wenn ich den beiden als Großvater eine Partie „Uno“ (Kartenspiel) anbiete, dann legen sie das Handy sofort weg. Mich strengt es immer mehr an, dass Eltern sich so oft aufs Handy ausreden, statt dass sie nach derartigen „Uno-Momenten“ mit ihren Kindern suchen. Abgesehen davon sollten wir nach regelmäßigen Smartphone-freien Zeiten in der Familie suchen – wie zum Beispiel einem täglichen gemeinsamen Essen. Smartphone-frei muss aber dann auch für die Erziehungsberechtigten gelten.
Sind Sie zuversichtlich, dass sich unser Umgang mit dem Smartphone noch verändern kann?
Ja, die Abkehr vom Handy kann funktionieren. Davon bin ich überzeugt. Es braucht dafür Bewusstseinsbildung und klare Regeln. Die Trendwende scheint übrigens bereits im Gange, denn die tägliche Handynutzung geht laut der aktuellen „mental health days Studie 25“ stark zurück: Im Jahr 2025 nutzten Jugendliche das Handy täglich um 31 Minuten weniger als noch im Jahr davor (190 statt 221 Minuten). Auf Sozialen Medien waren sie im Vorjahr nur mehr 80 Minuten unterwegs. 2024 waren es hingegen noch 96 Minuten.
Apropos Regeln. Die EU übernimmt eine Vorreiterrolle. Wie sieht diese aus?
Regeln muss es vor allem für jene Plattformen geben, die in Europa erscheinen dürfen. Diese müssen sich an unsere Gesetzte wie Wiederbetätigungsverbot, Frauendiskriminierungsverbote sowie Verbot von Gewaltaufrufen halten. Plattformen von Meta und Co. sollten nicht als technische Dienstleister, sondern als Medien verstanden werden. Das EU-Parlament arbeitet konkret an der Schaffung von Rahmenbedingungen für Social Media, was nicht minder wichtig ist für die Künstliche Intelligenz. Das ist auch richtig. Denn die digitale Welt endet ja nicht an Österreichs Landesgrenzen.
Welche Aufgabe übernimmt in diesem Zusammenhang die Schule?
Schule soll ein Ort sein, den wir gern und mit Freude besuchen. Lernen ist etwas Schönes. Die Talente müssen dort gefördert werden, denn diese beschreiben die Zukunft der Kinder. Es geht in der Schule längst nicht mehr nur um Wissenstransfer, sondern um die Entwicklung der sogenannten „21st century skills“ wie Kreativität, Kommunikations- und Teamfähigkeit. Pädagoginnen und Ausbildnerinnen sollten dementsprechend junge Menschen dabei begleiten, sich irgendwann selbstbestimmt wahrzunehmen.

Golli Marboe
ist Medienexperte, Journalist, Buchautor und Vortragender. Er ist Gründer und Obmann
des „Vereins zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien“, welcher die
„Mental Health Days“ an österreichischen Schulen veranstaltet. Die Initiative entstand
aus der Erfahrung des Initiators Marboe, dessen Sohn sich das Leben nahm, und der Erkenntnis
über mangelndes Wissen und fehlende Gesprächsmöglichkeiten zu psychischem
Wohlbefinden. Marboe ist Stellvertretender Vorsitzender des Verbands katholischer
Publizistinnen und Publizisten und war Mitglied des ORF-Publikumsrats.
Buchtipp

Golli Marboe, Caroline Culen: Jugend unter Druck. Wie Mental Health gefördert und gestärkt werden kann. Residenz-Verlag: 2025, ISBN: 9783701736492, € 24,00