Mag. Lukas Cioni
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miteinander 5-6/2026

Wenn Cornelia Richter über das LKW-Fahren spricht, dann beginnt die 1,62 m große Frau zu schwärmen: von den Begegnungen mit der Fahrschule des Bundesheers, vom Dialekt der angehenden Fernfahrer, vom guten Überblick aus der hohen Fahrerkabine, von der Wucht des tonnenschweren Gefährts, von der beeindruckenden Bremswirkung und der Komplexität der Druckluftbremsen. Den LKW-Führerschein machte sie schon als junge Frau. Um sich ihr Theologiestudium zu finanzieren, leitete sie Kinder- und Jugendfreizeiten.
Die Liebe zur Theologie liegt in der Familie. Bereits ihr Vater, ihr Großvater und ihre Großmutter hatten diesen Weg gewählt. Letztere war die erste Frau, die sich nach ihrem Studium in Bonn das Examen erstritt und, weil Frauen das Pfarramt damals noch verwehrt war, als Religionslehrerin arbeitete.
Drei Generationen später ist Cornelia Richter nicht nur ordinierte Pfarrerin, sondern mittlerweile auch gewohnt, die erste Frau in einer Leitungsposition zu sein: 2012 wurde sie die erste Professorin für Systematische Theologie in Bonn, 2020 erste Dekanin der Evangelisch-Theologischen Fakultät und 2024 erste Senatsvorsitzende der Universität – „auch hier als erste Frau in der Geschichte der Universität Bonn“.
Eine „fachkundige, freundliche und fröhliche“ Kirche
Das Kaffeehäferl sei ihr vor Erstaunen fast aus der Hand gefallen, als sie gefragt wurde, ob sie für das Bischofsamt kandidieren wolle. Richter, die in Bad Goisern aufgewachsen war, stellte sich nach einem längeren Entscheidungsprozess für die „Kirche ihrer Kindheit“ zur Verfügung. Schon im ersten Wahlgang erhielt sie 64 von 68 Stimmen der Synode, dem Kirchenparlament. „Die ersten Monate waren super“, sagt sie. „Diese Kirche ist besser, als sie selbst weiß: fachkundig, freundlich-willkommenheißend und fröhlich“, sagt sie und lächelt.
Als große Herausforderungen nennt die Bischöfin den Nachwuchsmangel sowie den Mitgliederschwund. In der evangelischen Minderheitenkirche zeige sich der demografische Wandel besonders rasch. „Die Kirchen haben sich zu lange auf traditionelle Strukturen verlassen und versäumt, sichtbar zu werden für diese Welt im 21. Jahrhundert“, sagt sie nüchtern.

Da will sie gegensteuern: „Jeder weiß, wofür der das Rote Kreuz oder die Diakonie stehen. Das soll auch für die evangelische Kirche insgesamt gelten“. Die Marke „evangelisch“ soll gestärkt werden, vom Logo über Schriftzüge bis hin zum Regenschirm. „Doch die beste Strategie hilft nichts, wenn sich hinter dem Label nichts verbirgt“, sagt Richter. Deshalb will sie das Selbstbewusstsein evangelischer Christinnen und Christen in Österreich stärken, für ihre attraktiven Berufsfelder werben und vor allem die hervorragende Arbeit der vielen Ehrenamtlichen besser sichtbar machen, sodass diese „offensiv, selbstbewusst – aber ohne aufdringlichen Missionsanspruch“ auftreten können.
Ihre Tage sind dicht getaktet: Wenige Minuten nach dem miteinander-Gespräch nimmt sie online eine Prüfung an der Universität ab. Die Bischöfin bleibt in einem 20-Prozent-Pensum als Professorin in Bonn, um den Kontakt zu den Studierenden nicht zu verlieren. Ihr theologisches Nachdenken soll direkt in die pastorale Praxis einfließen: Gemeinsam mit einer Kollegin aus der Psychosomatischen Medizin warb sie 1,25 Millionen Euro ein, um die Ausbildung der kirchlichen Mitarbeitenden und von Mitarbeitenden im Gesundheitswesen zu professionalisieren. „Wir untersuchen, was sie neben Theologie noch brauchen, um in dieser schnelllebigen und dichten Gesellschaft zu bestehen – damit diesen topmotivierten jungen Leuten nicht nach kurzer Zeit die Luft ausgeht“.
„Überzeugt evangelisch“
Am Nachmittag erwartet sie den Wiener Erzbischof Josef Grünwidl in ihrem Büro im Evangelischen Zentrum im 18. Wiener Bezirk. Mehrmals betont sie ihre Vorfreude auf die ökumenische Zusammenarbeit. Denn eine christliche Gesellschaft sei anders als eine nichtchristliche – „solange sie nicht fundamentalistisch wird“. Gleichzeitig ist sie mit Überzeugung evangelisch, etwa in ihrem Amtsverständnis. „Theologisch gibt es keine Gründe, die gegen Frauen als Priesterinnen oder Pfarrerinnen sprechen – und menschlich sowieso nicht“, sagt sie mit Nachdruck.
Sie bevorzugt „ein vielfältiges, von unten nach oben organisiertes Miteinander“ gegenüber einer Glaubensgemeinschaft, die zwar weltweit erkennbar sei, aber „hochnormativ, männerdominiert und hierarchisch strukturiert“. „Bei uns herrscht vielleicht manchmal ein fröhliches Durcheinander, aber dafür können sich die Menschen freier entfalten.“ Im Unterschied zu ihrem katholischen Amtskollegen wurde sie nicht durch Handauflegung anderer Bischöfe in ihr Amt eingesetzt, sondern durch ein Segenslied der Gemeinde – gesungen von tausend Mitfeiernden: „Dieses Geschenk kann keine Hierarchie ersetzen.“
LKW fährt Cornelia Richter heute nicht mehr. Doch nach wie vor ist sie gerne wirkmächtig, aber nicht von oben herab, sondern indem sie mutig Entscheidungen trifft und gemeinsam mit anderen Veränderungsprozesse anleitet. „Ich will was weiterbringen, wie man auf Wienerisch sagt“, so Richter.

Cornelia Richter
ist seit 2025 erste Bischöfin der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich. Aufgewachsen in Bad Goisern, schlug die studierte Theologie eine akademische Laufbahn ein, mit Professuren und Leitungsfunktionen, zuletzt an der Universität Bonn. Die Expertin für Resilienzforschung und Predigerin ist in Wissenschaft als auch in kirchlicher Praxis in Deutschland und Österreich präsent.