Kontakt
Redaktionsleiter / CvD

 

Mag. Lukas Cioni

Redaktionsleiter / Chef vom Dienst

miteinander-Magazin

Stephansplatz 6

1010 Wien

Tel.: +43 1 516 11-1500

 

Sie haben eine neue Adresse? Schreiben Sie uns hier oder rufen uns unter DW 1504 an.

 

Redaktion & Impressum

Aus dem neuen »miteinander«

Werte lernen – aber wie?

Moralverständnis im Unterricht

Wie lassen sich Werte in einer säkularen und zunehmend areligiösen Gesellschaft vermitteln? Einen Weg stellt der Ethikunterricht als Schule des Nachdenkens und der Gewissensbildung dar. Von Robert WURZRAINER

 

miteinander 5-6/2026

miteinander 5-6/26

Während früher häufig allein der Religionsunterricht als zentraler Ort der Wertevermittlung und der moralischen Bildung im Bereich von Unterricht und Schule galt, stellt sich heute verstärkt die Frage, welche Rolle auch andere Unterrichtsfächer bei der Bildung von Gewissen, Mitgefühl und moralischem Urteilsvermögen spielen können. Als alternatives Unterrichtsfach zum Religionsunterricht ist hier der Ethikunterricht gefragt – und steht zugleich vor einer grundlegenden Herausforderung. Ein Aspekt dieser Herausforderung liegt darin, dass moralisches und/oder ethisches Verhalten nicht im selben Sinn „gelehrt“ werden kann, wie dies etwa bei mathematischen Formeln oder grammatikalischen Regeln der Fall ist – da moralisches Handeln nicht allein durch Wissensvermittlung entstehen kann. Auf dieser Grundlage kann (und soll) der Ethikunterricht auch nicht fertige Antworten anbieten, sondern vielmehr Räume eröffnen, in denen Schülerinnen und Schüler lernen, moralische und ethische Fragen zu erkennen, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und eigene Urteile zu begründen. In diesem Sinne ist der Ethikunterricht weniger eine Anleitung zum „richtigen Verhalten“ als eine Schule des Nachdenkens über Handlungen und deren Folgen.


Urteilsbildung und Kommunikation

Ein zentrales Ziel des Ethikunterrichts besteht außerdem darin, die Urteilskraft der Schülerinnen und Schüler zu stärken. Im Lehrplan des Ethikunterrichts wird dieses Ziel konkretisiert: Lernende sollen ethisch relevante Situationen ihrer individuellen, sozialen und ökologischen Lebenswelt wahrnehmen und beschreiben können. Darauf aufbauend sollen sie unterschiedliche Perspektiven verstehen lernen – so etwa verschiedene Denkweisen oder Wertvorstellungen, was auch religiöse Positionen und Perspektiven miteinschließt. Weitere Fähigkeiten betreffen das Analysieren und Reflektieren von Argumentationen sowie das Entwickeln begründeter ethischer Urteile. Schließlich sollen Schülerinnen und Schüler Handlungsoptionen zu moralischen Problemen entwickeln und verantwortungsbewusst Stellung beziehen. Die Grundlage dafür sind Kommunikations- und Interaktionsfähigkeiten, denn ethische Urteilsbildung entsteht wesentlich im argumentativen Austausch. Gewissensbildung bedeutet in diesem Zusammenhang also nicht, dass eine bestimmte moralische Haltung vorgegeben wird und diese angenommen werden muss. Vielmehr geht es darum, die Fähigkeit zu entwickeln, selbst Verantwortung für moralische Entscheidungen zu übernehmen. Eng damit verbunden ist die Frage nach der sogenannten „Wertevermittlung“. Dieser Begriff erscheint zunächst klar und nachvollziehbar, ist aber keineswegs eindeutig. Denn sobald von Wertevermittlung die Rede ist, stellt sich eine grundlegende Frage: Welche Werte sollen vermittelt werden – und wer entscheidet darüber?

"Empathisches Verhalten lässt sich nämlich ebenso nicht direkt unterrichten wie
etwa ein Sachinhalt. Ein guter Ethikunterricht kann jedoch Bedingungen schaffen,
unter denen Empathie wachsen kann."

Abwägungsprozesse lernen
Der Ethikunterricht bewegt sich somit in einem Spannungsfeld: Einerseits sollen grundlegende normative Orientierungen sichtbar werden, etwa die Achtung der Menschenwürde, demokratische Prinzipien oder ein respektvoller Umgang miteinander. Andererseits geht es aber auch darum, Werte kritisch zu reflektieren und zu begründen. Statt konkrete Werte einfach zu „vermitteln“, versucht der Ethikunterricht also, ihre Begründungen sichtbar zu machen. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich mit philosophischen Positionen, moralischen Dilemmata oder Fragen sozialer Gerechtigkeit auseinander und lernen, dass moralische Fragen selten einfache Antworten haben und ethisches Urteilen immer ein Prozess des Abwägens ist.


Eine weitere Herausforderung stellt dabei die Entwicklung von Mitgefühl dar. Empathisches Verhalten lässt sich nämlich ebenso nicht direkt unterrichten wie etwa ein Sachinhalt. Ein guter Ethikunterricht kann jedoch Bedingungen schaffen, unter denen Empathie wachsen kann: etwa durch Perspektivenwechsel, durch die Auseinandersetzung mit Lebensgeschichten oder durch Diskussionen. Und wenn Schülerinnen und Schüler lernen, sich inandere hineinzuversetzen und die Folgen von Handlungen für andere Menschen mitzudenken, kann Mitgefühl zu einem grundlegenden Bestandteil moralischer Urteilsbildung werden.

 


miteinander 5-6/26

Dr. Robert Wurzrainer
ist Lehrbeauftragter am Institut für Religionswissenschaft, Referent für Weltanschauungsfragen im Bereich „Kirche im Dialog“ der Erzdiözese Wien und Schulbuchautor für das Unterrichtsfach Ethik.

 

Buchtipp
Robert Wurzrainer: Religion und Religionen im Ethikunterricht. Theoretische Grundlagen und Anwendungsmöglichkeiten einer praxisorientierten Religionswissenschaft. Kohlhammer- Verlag: 2026, ISBN: 978-3-17-047189-4, € 60,70

miteinander 5-6/26

CANISIUSWERK
Zentrum für geistliche Berufe

Stephansplatz 6
1010 Wien

Telefon: +43 1 516 11 1500
E-Mail: office@canisius.at
Darstellung: