Mag. Lukas Cioni
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miteinander 3-4/2026

Es gibt Erfahrungen, die man nur machen kann, wenn und weil sie im Vorfeld ihres Erlebnisses unmöglich erscheinen. Ein einfaches Beispiel: Wer etwas erfindet, überschreitet im Moment der Erfindung eine Schwelle. Was zuvor noch unmöglich erschien, wird mit der Erfindung möglich.
Als etwa Samuel Morse den ersten Morsetelegrafen installierte, hatte er diese Schwelle bereits überschritten. Er hatte entdeckt, dass elektronische Impulse einen Stift auf einer Staffelei so bewegen konnten, dass der Impuls als solcher registriert werden konnte. Er entdeckte, wie ein System der Codierung und Decodierung schriftsprachlicher Botschaften für Fernmeldekommunikation anwendbar ist.
Eine Erfindung ist der Morsetelegraf erst deshalb, weil etwas möglich wird, das zuvor unmöglich erschien. Die Rede von einer Erfindung behauptet von sich selbst, mehr zu sein als bloß eine Weiterentwicklung oder Optimierung. Die Behauptung ist: Etwas ist wirklich neu, weil es zuvor nicht möglich erschien, dass es möglich sei oder funktioniere. Andernfalls würde man nicht von einer Erfindung sprechen.
Entmystifizierende Erfahrung
Dabei sind es nicht einfach nur die Außenstehenden, die es für unmöglich gehalten haben mögen, dass man über längere Distanzen codierte Botschaften mittels elektrischer Spannung übermitteln kann. Sondern es gilt auch für Morse selbst – wie für jede Erfinderin und jeden Erfinder –, dass es einen Moment gegeben haben muss, in dem etwas zuvor Unmögliches möglich geworden ist.
Auch der Erfinder wird also in gewisser Weise von seiner Erfindung überrascht. Erst im Nachhinein der Erfindung weiß man, weil man es erfahren hat, dass das zuvor unmöglich Erschienene dem Bereich des Möglichen zugeordnet werden kann. Gerade das entmystifiziert die Erfindung schon im Moment ihres Ereignisses. Sobald man etwas erfunden hat, verschwindet etwas von der Größe des Gedankens daran, dass etwas Neues möglich werden könnte.
„Sobald man etwas erfunden hat,
verschwindet etwas von der Größe des Gedankens daran,
dass etwas Neues möglich werden könnte.“
Bemerkenswerterweise kann man auch im Hinblick auf andere Ereignisse ganz ähnliche Erfahrungen machen. Zum Beispiel getröstet zu werden kann eine Erfahrung sein, die einer ähnlichen Logik folgt. Denn Trost, echter Trost, ist nicht die Erfüllung einer im Vorfeld seines Ereignisses artikulierbaren Erwartung. Echter Trost ist nicht einfach eine Möglichkeit, die ich ergreife, wenn ich traurig bin. Im Gegenteil: Trauer kann der oder dem Trauernden in einer Totalität erscheinen, die jeglichen Ausweg aus ihrem Empfinden geradezu unangemessen wirken lässt oder sogar ganz verdrängt. Trauer kann gerade die Empfindung sein, die Trost unmöglich erscheinen lässt. Der Trost wird jedenfalls gerade nicht zur Möglichkeit, weil man ihn herstellen kann. Vielmehr ereignet sich Trost gelöst vom Können und Vermögen des Trauernden – und übrigens auch des Tröstenden.
Entgegenkommende Möglichkeiten
Ähnlich die Schuld. Wer sich schuldig fühlt, dem fällt es schwer, anderen in die Augen zu schauen. Ein Schuldgefühl kann mich geradezu von allen anderen absondern; zumindest versetzt es mich in anhaltende Distanz. Und gerade dieses Gefühl vermittelt mir – insoweit ich es nicht verdränge –, dass es mir unmöglich sein wird, frei von meiner Schuld angesehen zu werden. Die Möglichkeit der Vergebung ist jedenfalls keine, die ich herstellen könnte. Sie muss mir zugesprochen werden und mir entgegenkommen.
Es gibt eine interessante Gemeinsamkeit zwischen den Erfahrungen der Erfindung, des Trostes und der Vergebung. Der Philosoph Jacques Derrida spricht von unmöglichen Möglichkeiten. Dabei geht es um Ereignisse in einem bestimmten Sinn des Begriffs. Ereignisse im starken Sinn des Wortes sind immer flüchtig. Sie lösen etwas aus, sind aber schon in dem Moment vorüber, in dem das Ausgelöste überhaupt registriert werden kann.
Vergebung kann deshalb ein Ereignis sein, das mir wieder Ansehen verleiht. Und Trost kann ein Ereignis sein, das meine Trauer in mein Leben integriert. Aber weder die Schuld noch die Trauer verschwinden im Ereignis der Vergebung und des Trostes einfach. Diese Ereignisse machen es vielmehr erforderlich, ihnen treu zu bleiben. Ob man dem Trost und der Vergebung trauen kann, entscheidet sich daran. Ohne den Ereignissen treu zu bleiben, hat (zumindest dem Empfinden nach) der Erfinder nichts erfunden, ist der Trauernde nicht getröstet und dem Schuldigen nicht vergeben.
Dem Leben vertrauen
Lässt sich der Glaube ebenfalls als ein solches Ereignis verstehen, das etwas eröffnet, das zuvor verschlossen erschien? Natürlich muss man einerseits sagen, dass es schwierig ist, einen Glauben, der vor allem auf eine meist frühkindlich beginnende religiöse Sozialisation zurückgeführt wird, auf ein Ereignis im starken Sinn des Begriffs zu beziehen. Aber löst man sich andererseits ein Stück weit von dieser Perspektive und betrachtet Glauben als unser elementares Vermögen, dem Leben zu trauen (so wie es Christoph Theobald formuliert), dann kann dieser doch auch als Ereignis verstanden werden.
Denn dieses Vermögen entscheidet sich gerade in den Krisen des Lebens, in denen es infrage gestellt wird. Da, wo die Möglichkeiten des bisherigen Lebens an ein Ende kommen (etwa bei einer Trennung), wo es unglaublich scheint, dass es überhaupt irgendwie weitergehen kann, kann sich dieser Glaube ereignen, der über die Schwelle führt. Das Ereignis dieses Glaubens ist sicherlich noch nicht das, was man unter einem konfessionellen Glauben verstehen würde. Aber vielleicht kommt es der Erfahrung von Ostern trotzdem schon recht nahe.

Dr. Andree Burke
ist Professor für Pastoraltheologie und Homiletik am Institut für Praktische Theologie der Universität Innsbruck.