Mag. Lukas Cioni
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miteinander 3-4/2026

Herr Prof. Heil, die Exegese ist eine eher „trockene“ Text-Wissenschaft. Wie geht man da mit den Wundererzählungen um? Kann man sie anders denn als literarische Fiktionen verstehen?
Es stimmt, dass in der Exegese zunächst das Literarische, die sprachliche Gestalt der Texte im Vordergrund steht. Aber wie bei der Weihnachtsgeschichte, den Ostererzählungen oder eben den Wundererzählungen ist es so, dass diese nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. Wir haben es also nicht mit fiktiver Unterhaltungsliteratur zu tun. Es sind Geschichten, die aufgrund konkreter Erfahrungen erzählt wurden. Diese Erfahrungen muss man zu rekonstruieren versuchen – und das ist bei den Wundern durchaus möglich. Ein wichtiger Punkt ist: Die Wunder Jesu werden selbst von seinen Gegnern nie bestritten. In der antiken Literatur wird Wundertätern oft vorgeworfen, sie hätten getrickst oder getäuscht. Genau das fehlt in den Evangelien. Stattdessen wird etwa in der Beelzebul-Kontroverse gesagt: Ja, er heilt – aber mit der Macht des Teufels. Die Heilung selbst wird nicht bestritten, nur ihre Ursache gedeutet. Das spricht sehr dafür, dass reale Erfahrungen zugrunde liegen.
Könnte man nicht sagen, dass es Deutungen einer vormodernen, wissenschaftsfernen Gesellschaft waren?
Jede Zeit hat ihre hermeneutischen Voraussetzungen – auch wir. Wir können heute vieles medizinisch erklären und behandeln, aber längst nicht alles. Auch wir haben die Welt nicht vollständig im Griff. Der Horizont ist ein anderer, aber das Grundproblem bleibt.
Welche Arten von Wundern begegnen uns im Neuen Testament?
Es gibt Heilungswunder, Berichte von Teufelsaustreibungen bzw. Exorzismen, Totenerweckungen und schließlich Natur- oder Geschenkwunder: das Stillen des Sturms, der Gang über das Wasser, die Brotvermehrung. Formgeschichtlich ist das wichtig: Heilungen lassen sich gut im historischen Wirken Jesu verorten, dafür gibt es Parallelen in der Antike. Naturwunder und Totenerweckungen sind stärker christologisch gedeutet. Zugleich unterscheidet sich Jesus von anderen Wundertätern: Er verlangt kein Geld, sucht keinen Einfluss, macht kein Geschäft aus den Wundern. Das sind Eigenheiten, die historisch plausibel sind.
Gibt es alttestamentliche Vorbilder für diese Wunder?
Tatsächlich kaum. Das große Wunder des Alten Testaments ist der Exodus, also die Erzählung vom Auszug des auserwählten Volkes aus der ägyptischen Knechtschaft. Auch die Wundererzählungen von Elia und Elischa sind Ausnahmen. Jesus wirkt dagegen fortwährend Wunder. Gerade das spricht eher für einen historischen Kern der Erzählungen, weil sie nicht einfach aus bestehenden Traditionen übernommen sind.
Welche „Funktion“ haben die Wundererzählungen?
In den synoptischen Evangelien geht es nicht darum, Jesus selbst zu verherrlichen. Er sagt: Wenn ich mit dem Finger Gottes Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch gekommen. Gott ist das handelnde Subjekt. Jesus ist der Bote, der Mittler, der Prophet. Im Johannesevangelium verschiebt sich das: Dort werden die Wunder zu Zeichen, damit man an Christus glaubt. Wir haben also eine Art Entwicklung von der nüchternen Überlieferung bei Markus, Matthäus und Lukas hin zur theologisch-christologischen Ausdeutung bei Johannes.
Ist das biblische Wunderverständnis mit unserem heutigen vergleichbar?
Wunder sind immer Deutung. Der Gläubige interpretiert ein Geschehen im Licht seines Glaubens, der andere spricht von Zufall. Es bleibt so oder so dabei: Man kann Wunder nicht „beweisen“. Sie bleiben Glaubensdeutung – im Übrigen gilt das auch da, wo die katholische Kirche Heiligsprechungsverfahren durchführt und nach „Beweisen“ für durch Heilige gewirkte Wunder sucht. Es bleiben auch dies immer Deutungen bzw. Erfahrungen von Menschen, die sie als göttliches Eingreifen deuten.
Die Bibel mahnt also eher zu Nüchternheit im Blick auf Wunder?
Ja, so kann man es sagen. Bei Markus kann Jesus dort keine Wunder wirken, wo ihm nicht vertraut wird. Wunder sind immer ein Beziehungsgeschehen. „Dein Glaube hat dich gerettet“, sagt Jesus. Gemeint ist Vertrauen, nicht Magie. Das steht im starken Gegensatz zu geschäftsmäßiger Wundergläubigkeit. Die Evangelien erden den Wunderglauben und führen ihn auf das Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch zurück.

Dr. Christoph Heil
ist Professor für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz.