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miteinander 3-4/2026

Bei dem 1993 in Kasachstan unter dem Namen Elena Krawzow geborenen, damals 9-jährigen Mädchen diagnostizieren die Ärzte die Erbkrankheit Morbus Stargardt. In der Folge erkrankte die Netzhaut, die Sehkraft nahm rapide ab, es kam zu gestörten Farbwahrnehmungen. Erst nach dem Umzug ihrer Familie 2004 nach Deutschland lernt Semechin als 13-Jährige das Schwimmen – und ihr sportliches Talent bleibt nicht unentdeckt. Semechin startet in Wettbewerben für den Nürnberger Verein TSV Altenfurt. Nach der Silbermedaille über 100 Meter Brustschwimmen bei den Paralympics 2012 in London folgt 2021 ihr bis dahin größter Erfolg: die Goldmedaille in Tokio.
Zweifel und Sorgen
Kurze Zeit später, im Oktober 2021, dann die Diagnose: ein Hirntumor in der linken oberen Gehirnhälfte. Ihre Reaktion auf die Krankheit steht symbolisch für Semechins sportliche Kampfeslust: „Der Krebs hat sich mit mir die Falsche ausgesucht“, so die Sportlerin gegenüber Medien und nimmt die Erkrankung „wie einen Wettkampf“ an.
In den Monaten nach ihrer Krebs-Diagnose dokumentiert Semechin offen ihren privaten und medizinischen Weg: angefangen bei MRT-Terminen, medizinischen Untersuchungen bis hin zur Hochzeit mit ihrem Freund. „Einen letzten Wunsch hatte ich noch vor der OP. Solange ich ich selbst bin, wollte ich in meinem jetzigen Leben und Zustand das Ja-Wort sagen“, schreibt sie zu einem Foto der Trauung auf Instagram. Der Eingriff klappt, aber „es kam zu Komplikationen mit der ersten Wunde nach der Biopsie“, wie Semechin ihre Follower wissen lässt. Im Zuge der anschließenden Chemotherapie schreibt die Sportlerin ehrlich über Zweifel und Sorgen im Blick auf ihre verbleibende Sehkraft und die ungewisse Zukunft ihrer Leistungssportkarriere.
An Träumen festhalten
Ihr Weg zurück an die Weltspitze war das Ergebnis von Rehabilitation, ausdauerndem Training und nachhaltiger mentaler Arbeit. 2023 sammelt die Sportlerin erneut Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften, bevor sie 2024 bei den Paralympics in Paris erneut Gold über 100 Meter Brust gewinnt. Zudem verbessert sie hier ihre persönliche Bestzeit und stellt mit einer Zeit von 1:12,54 Minuten einen neuen Weltrekord auf. „In erster Linie war es die Bestätigung für mich und auch für viele andere Menschen da draußen. Vielleicht kann ich dadurch eine Art Beispiel sein. Es lohnt sich, zu kämpfen und dranzubleiben“, beschreibt Semechin. „Ich hoffe, dass mein Erfolg ganz vielen Menschen ein Beispiel sein kann. Jeder soll an seinen Träumen und Wünschen festhalten.“

Neue Perspektive
Sportlich hat die Athletin gezeigt, wozu sie in der Lage war. Ihr, wie sie sagt, „größtes Wunder“ jedoch verändert im Jahr 2025 ihr Leben: Semechin wird Mutter. Die Schwangerschaft sowie die Geburt ihres ersten Kindes eröffnen der Spitzensportlerin eine neue Perspektive. Im September 2025 war es dann so weit: „Schaut mal, wer das Licht der Welt erblickt hat. Gestern durfte ich nach einer langen und anstrengenden Geburt endlich mein größtes Wunder in den Armen halten: Mein Sohn Klaus Phillip hat mit 3100 g und 48 cm seinen Lebensweg gestartet“, so die stolze Mutter.
Trotz aller Siege und gemeisterten Herausforderungen bleibt Semechin bodenständig und eine starke öffentliche Stimme für den paralympischen Sport. Sie nutzt ihre Popularität für Aufklärung zu den Themen Inklusion, Krebserkrankung und Mutterschaft. Dabei thematisiert sie offen Bedürfnisse leistungsstarker Sportlerinnen in fordernden Lebensphasen.
Semechins Weg, vom Paralympics-Sieg, der Krebs-Diagnose über die Rückkehr zur Weltspitze bis hin zur Mutterschaft, zeigt die Kraft und den Lebenswillen einer starken Frau als aktive Gestalterin ihres eigenen Weges: „Trotz des Gehirntumors und meiner Sehbehinderung habe ich den Blick vom Siegerpodest nie abgewendet“, so Semechin. Das gilt für die Athletin im Sport wie im Leben.
Elena Semechin
ist Paralympics-Goldmedaillen-Gewinnerin, Influencerin und Weltrekordhalterin in der Disziplin "100 Meter Brust-Schwimmen".