Mag. Lukas Cioni
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miteinander 7-8/2026

Das Wasser fließt unruhig und breit durch eine Stelle, an der die Fähre das Land mit dem Land verbindet. Am Ufer steht ein gewaltiger Mann, in manchen Fassungen ist er ein Riese, der auf der Suche ist. Zuerst probiert er es beim König, dann beim Teufel, aber nichts erfüllt ihn – bis er erfährt, dass es einen wahren Herrn gibt: Christus.
Nach seiner Taufe wechselt die Perspektive des Hünen radikal: Aus seinem Streben nach Macht wird Dienst. Statt mit Ruder oder Kahn nimmt er seine Kundschaft auf die Schulter und trägt sie über das Wasser. Eines Nachts aber merkt er, wie ein Kind, das er befördert, mit jedem Schritt schwerer wird. Am Ufer offenbart sich das Kind als Christus, der die Last der Welt trägt–— und der große Mann hat, ohne es zu wissen, Gott auf seinen Schultern getragen.
Historische Belege für die Existenz des Christophorus sind rar. Quellen, die seine tatsächliche Existenz eindeutig belegen, gibt es nicht. Dennoch gehört der Heilige zu jenen Figuren, die im kollektiven Gedächtnis früh und fest verankert wurden: Schon im 5. Jahrhundert ist in Chalcedon am Bosporus eine ihm geweihte Kirche bezeugt. Eine Gestalt, deren Biografie sich nicht historisch belegen lässt, hat reale Orte der Verehrung – Kirchen, Kapellen, Bilder – geschaffen. So ist die Frage „Gab es ihn wirklich?“ zwar berechtigt, in der gelebten Frömmigkeit aber eher zweitrangig.
Wahrer als die Fakten
Erfundene Geschichten können in ihrem Gehalt offenbar tiefer treffen als akkurate Chroniken. Die Christophorus-Legende baut eine theologische und ethische Botschaft in ein einfaches Bild: Nicht rohe Kraft, sondern die Fähigkeit, anderen zu dienen, ist wahre Stärke. Wer trägt, wird getragen – wer dient, findet Gott. Dass die Menschen im Mittelalter beim Anblick eines Christophorus-Bildes Trost für den Tod suchten, sagt mehr über die Funktion der Legende als über ihre Entstehungsgeschichte.
In der Kunst wird der heilige Christophorus als breitschultriger Mann mit einem Kind auf den Schultern und einem Stab, der zur Wurzel wird, dargestellt. Im Mittelalter hing man ihn an Brücken und an Wegkreuzen auf – als Visualisierung und als Bitte um Schutz. Vom Begleiter für Pilger, Händler und Reisende wird der Heilige in der Neuzeit zum Patron der Autofahrer, zum scherzhaften Bildchen am Rückspiegel. Wobei dieses Bild noch viel mehr Menschen dazu auffordern sollte, beim Fahren einen Moment Menschlichkeit nicht zu vergessen.
Vom Kultus zur Erinnerung
Dass Christophorus in Liturgie-Reformen und Kalendern unterschiedlich behandelt wurde, ändert nichts an seiner Wirkung. Seit dem 5. Jahrhundert wird er in der katholischen Kirche verehrt – u. a. als einer der 14 Nothelfer. Sein weltkirchlicher Gedenktag ist der 25. Juli. Im regionalen Heiligenkalender des deutschen Sprachraums wird seiner am 24. Juli gedacht.
Vielleicht hat Christophorus nie am Rand eines Flusses gestanden — vielleicht lebt er nur in Geschichten. Aber die Geschichten können Wege sicherer machen. Und wenn ein zitternder Autofahrer kurz an den Riesen im Rückspiegel denkt und langsamer fährt – dann hat die Legende genau das erreicht, was immer ihr Zweck war: Sie hat jemanden einen Schritt weitergebracht.

Zahlen, Daten, Fakten
Name: Christophorus „Christusträger“
Lebenszeit: Traditionell 3.–4. Jh. (nicht gesichert)
Titel: Märtyrer, Schutzpatron der Reisenden
Patronate: Reisende, Autofahrer, Pilger
Besonderheit: Historische Existenz umstritten; reich an Legenden