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Lügengeschichten | Über erzählte Wahrheiten

Essay von Aaron Langenfeld

Fantasy-Serien bedienen sich häufig religiöser Narrative von Leiden, Sterben und Erlösung. Warum gelingt aber ihnen, was den biblischen Überlieferungen immer weniger gelingt, nämlich Menschen zu faszinieren?

 

An opened holy bible on a wooden table

 

Gehörnte und gehufte Halbmenschen ziehen durch die Straßen, Feen organisieren sich im Untergrund gegen die rassistische Diskriminierung ihrer Art – die Serie Carnival Row (USA, 2019) erhebt augenscheinlich nicht den Anspruch, uns über reale Ereignisse zu informieren. Merkwürdig ist es dann aber doch, all diese Gestalten nicht in dem für sie vorgesehenen Fantasy-Reservat zu sehen, in dem wir sie normalerweise vermuten würden, sondern in einer viktorianischen Großstadt, die zwar verfremdet, aber doch zugleich historisch völlig vertraut erscheint. Alles ist so, wie man es kennt, und zugleich ist alles ganz anders. Durch die Verfremdung entsteht ein Zerrspiegeleffekt – man sieht die eigene bekannt Welt anders, weil man feststellt, dass sie grundsätzlich auch ganz anders sein könnte.

 

Einen solchen Effekt erzielt die Serie auch beeindruckend bei ihrer Darstellung von Religion: Angebetet wird der Märtyrer, der in religiösen Gebäuden und sozialen Einrichtungen als Statue abgebildet ist – überlebensgroße Darstellungen eines brutal Erhängten. Die drastische Exekutionsdarstellung provoziert recht unmittelbar die Frage, welch perverser Anblick dort eigentlich verehrt wird. Und natürlich spielt sie so mit einer Verfremdung christlicher Corpus-Kreuze, die uns zumeist selbstverständlich sind, bei denen wir nicht mehr sehen, dass sie an einen Tod und ein Sterben erinnern, das in Brutalität einer Strangulation in Nichts nachsteht.

 

Wahrheit in der Lüge?

 

Eigentlich haben wir es bei dieser Serie also mit einer erdachten, ja, mit einer Lügengeschichte zu tun. Es ist aber kaum zu bestreiten, dass diese Geschichte unsere selbstverständlichen Wahrheiten angreifen oder sogar zerstören und uns so offenkundig etwas über die Wirklichkeit sagen können. Kann man also auch etwas Positives aus diesen Narrativen ziehen? Erzählen Lügen Wahrheit?

 

Man könnte mit der Frage beginnen, warum eine Religion einen grausam Getöteten in ihr Zentrum stellt. Es ist doch interessant, dass hier nicht ein Übermensch verehrt wird, der mit sonderbaren magischen Fähigkeiten ausgestattet ist, sondern dass das eigentlich Entscheidende eine scheiternde Kreatur ist, die nicht einmal sich selbst vor dem Tod bewahren kann. Und natürlich irrlichtern die Protagonisten der Carnival Row scheiternd und sterbend durch die Gegend – auf der Suche nach sich selbst und nach einander; eine Suche, bei der keine Magie zu helfen scheint. Auch in der Harry-Potter-Reihe ist es ja bemerkenswerterweise das ganz alltägliche Phänomen der Liebe, das größer ist als alle Zauberkraft. Gerät also durch die Verzerrung etwas in den Blick, was wir in unserer durch und durch entmythologisierten Welt nicht oder zu wenig wahrnehmen, weil es zu selbstverständlich ist?

 

Wir mögen es, diese Erzählungen zu sehen, zu lesen und zu hören, weil Geschichten des Scheiterns und Sterbens, aber auch der Liebe und des momentanen Glücks Geschichten über uns selber sind. Verfremdet sind sie zwar und ins Extreme getrieben, dadurch aber gerade offen für alltägliche und extreme Erfahrungen gleichermaßen; Erfahrungen, die wir machen und die nur schwer nachvollziehbar sind, wenn man sie nicht selbst erlebt hat. In Erzählungen finden wir uns wieder, fühlen uns verstanden, identifizieren uns mit Figuren und Situationen und genau darin können wir noch in den absurdesten Vorstellungswelten Wahrheiten über unser Leben entdecken.

 

Biblische Geschichten neu lesen

 

Warum gelingt uns das eigentlich so schlecht, mit den biblischen Geschichten über den Tod und die Auferstehung Jesu? Warum fällt es selbst Christen so schwer, sie erst einmal als Erzählungen zu begreifen, die uns Wahres über unser Leben sagen können – selbst dann oder gerade weil sie sicherlich nicht so passiert sind, wie sie überliefert wurden. Vielleicht hilft es unserem Zutrauen in diese Erzählungen, wenn wir sie mit der erzählerischen Vernunft anderer großer Geschichten vergleichen, um von da aus neu ihre Einzigartigkeit würdigen zu lernen.

 

Karfreitag, so könnte man sagen, erzählt in ganz eigener Weise die Geschichte von Harry Potter und Jon Snow und so in gewisser Weise auch die Geschichte des Leidens und Sterbens aller Menschen. Umgekehrt erzählen aber natürlich auch Harry Potter, Game of Thrones und in diesem Sinne unser aller Lebens- und Leidensgeschichten von Karfreitag. Und genauso erzählen diese Geschichten von der Hoffnung, dass nicht der Tod, sondern das Leben das letzte Wort hat, dass noch gut werden kann, was noch nicht gut ist, dass auch angesichts des Todes nicht der Tod, sondern das Leben das Eigentliche des Lebens ist. Sie erzählen vom Versprechen des Lebens, das den Tod unvernünftig erscheinen lässt und über denselben auf eine Wirklichkeit ausgreift, die unsere Geschichten vollenden und versöhnen kann.

 

Wenn wir unsere Geschichten in den Erzählungen unserer Zeit gespiegelt sehen, und wenn wir die biblischen Texte von Karfreitag und Ostern im Spiegel dieser Erzählungen aneignen, dann können sie zurückspiegeln – in unsere Erzählungen, aber auch in die Geschichten unseres Lebens.

 


 

 

 

Dr. Aaron Langenfeld ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie der Universität Paderborn und Geschäftsführer des Zentrums für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften.

 

 

 

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