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Heiliger Zorn

Den Sie wissen nicht, was sie tun ...

Olivier Ndjimbi-Tshiende war Pfarrer einer kleinen Gemeinde bei München. Im Zuge der Flüchtlingsbewegung 2015 übte er Kritik an der Linie der lokalen Politik. Hass, Häme und gar Morddrohungen waren die Folge.

 

thema Heiliger ZornIm Jahr 2012 kam ich als Pfarrer nach Zorneding bei München – einer kleinen oberbayrischen Gemeinde mit etwa 10.000 Einwohnern. Ich fühlte mich wohl, es lebte sich gut in dieser kleinen Idylle vor den Toren der Großstadt. 2015 dann der Wetterumschwung: Die ersten Flüchtlinge erreichten Deutschland, kamen in München an. Die damalige örtliche CSU-Vorsitzende Sylvia Boher machte in einem Zeitungsartikel gegen die Flüchtlinge Stimmung. Ich habe auf Bitten von Medien dazu Stellung genommen und die Aussagen von Frau Bohrer verurteilt – denn aus ihnen sprach weder Wahrheit noch Liebe, Respekt oder Frieden.

 

Was dann geschah, kann ich selbst mit dem Abstand von fast drei Jahren noch immer nicht recht glauben: Menschen, die jahrelang mit mir gemeinsam die Sonntagsmesse gefeiert hatten, die zur Kommunion zu mir gekommen waren, wandten sich plötzlich gegen mich. Briefe und Postkarten verwünschten und beschimpften mich, ich bekam Morddrohungen. Auf einer der Karten stand: „Wir schicken Dich, Du Arschloch, nach Auschwitz. Hau ab zu Deinen schwarzen Teufeln. Du Nigger!“

 

 

Mordversuch und Beleidigungen

Es folgten weitere Drohungen, offener Rassismus und handfeste Schikanen: Unbekannte streuten weißes Pulver in meinen Briefkasten. Eines Nachts war mitten im Winter plötzlich meine Heizung ausgeschaltet. Trauriger DeutschlandkarteHöhepunkt war ein Mordversuch während eines Gottesdienstes. Da war mir klar: Ich musste weg aus Zorneding. Zum politischen Eklat kam es schließlich, als mich der Stellvertretende örtliche CSU-Vorsitzende, Johann Haindl, in einem Interview mit den folgenden Worten beschimpfte: „Dem Pfarrer sage ich, er muss aufpassen, dass der alte Ruhestandspfarrer ihm nicht mit nacktem Arsch ins Gesicht springt, ihm, unserem Neger.“ Ein Trostpflaster: Beide – Boher und Haindl – mussten von der Parteispitze zurücktreten.

Emotional glich diese Zeit einer Achterbahnfahrt: Mal war ich wütend, mal traurig und fassungslos, mal enttäuscht, verzweifelt und hoffnungslos. Wie können Menschen so entgleisen, obwohl ich ihre eigenen Grundwerte verteidigt habe? Und wie kann es sein, dass die Gläubigen der eigenen Gemeinde so wenig Solidarität und Empathie gezeigt haben? Lange habe ich schließlich über jene Frage nachgedacht, die für mich die entscheidende war: Wie konnte das in einer Kirche möglich sein, in der das wichtigste Gebot jenes der Liebe ist?

 

Neue Vision von Kirche

Heute bin ich überzeugt: Viele Christinnen und Christen führen eine Art Doppelleben. In der Messe zelebrieren sie ein Christ-Sein, das nicht mit ihrem Leben und Verhalten außerhalb der Kirchenmauern im Einklang steht. Das Lehramt ist an dieser Entwicklung nicht unschuldig, denn es hat immer wieder auf Hierarchie und Macht gesetzt, wo es eigentlich um pastorale Nähe, um Geschwisterlichkeit und Nächstenliebe gehen sollte.

 

Mein Traum von Kirche ist daher ein anderer: Es ist die Vision einer Kirche, in der alle Brüder und Schwestern sind, sich wohl fühlen im christlichen Leben und in den kirchlichen Ämtern, die meines Erachtens nach auch Männern und Frauen gleichermaßen offenstehen sollten.

 

Heute habe ich meinen Frieden geschlossen, denn natürlich gab es auch viele Menschen, die mich unterstützt und mir geholfen haben. So fand ich an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt eine Forschungsstelle, die mich erfüllt und die mir half, meine Traumata ein stückweit zu überwinden. So konnte ich den Tätern verzeihen, vergessen aber werde ich das Erlebte nicht. Letztlich sind es immer wieder die Worte Jesu, die mir helfen: „Herr verzeih es ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun …“

 

thema Heiliger ZornZur Person:

Dr. Olivier Ndjimbi-Tshiende ist Priester der Erzdiözese München-Freising. Nach den Vorfällen in Zorneding arbeitet der habilitierte Philospoph inzwischen an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Über seine Erlebnisse hat Ndjimbi-Tshiende ein Buch geschrieben:

 

thema Heiliger Zorn

Buchtipp:

Und wenn Gott schwarz wäre … Mein Glaube ist bunt! Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2017.

 

 

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