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"Letztlich sind wir alle aufeinander angewiesen"

Corona stellt auch aus kirchlicher Sicht eine große Herausforderung dar. Ein Gespräch mit Bischofskonferenz-Generalsekretär Peter Schipka, der im Zentrum des kirchlichen „Krisenmanagements“ steht. Das Interview führte Henning KLINGEN.

Kirche in Zeit der Corona-Krise| miteinander 7-8/2020

 

ÖBK-Generalsekretär Schipka: 'Letztlich sind wir alle aufeinander angewiesen'

DDr. Peter Schipka, Generalsekretär der Österreichischen Bischofskonferenz, im Interview über kirchliche Entwicklungen in und um die Corona-Krise

 

Sie waren in den vergangenen Monaten gleichermaßen Krisenmanager, Generalsekretär und Seelsorger. Wie haben Sie diese intensive Zeit erlebt?

 

Ich habe diese Zeit wie vermutlich viele andere auch verbracht: in meiner Wohnung. Dort habe ich gearbeitet, gekocht, gegessen und geschlafen. Ich habe die Berichte über die Entwicklung der Infektionszahlen aufmerksam verfolgt und die Pressekonferenzen der Regierung angeschaut. Die Wohnung habe ich nur verlassen, um einzukaufen und um regelmäßig laufen zu gehen. Was meinen Alltag aber von vielen anderen unterschieden hat, war, dass ich von Anfang an täglich in der Früh im Stephansdom an einem Seitenaltar mit ein, zwei Mesnern des Doms die Eucharistie feiern konnte. Im Anschluss daran habe ich mit den Dommesnern in der Sakristei – unter Wahrung des nötigen Abstands – noch einen Kaffee getrunken. Da sind Gespräche entstanden, für die im gewohnten Alltag niemals Zeit gewesen wäre. Ich habe manche Dommesner näher kennengelernt, und sie haben mich näher kennengelernt. Wir konnten unsere Sorgen teilen, die der Lockdown erzeugt hat. Und wir haben uns über die Einschätzung ausgetauscht, welche Maßnahmen bei der Wiederaufnahme öffentlicher Gottesdienste sinnvoll sind. Da ist aus meiner Sicht eine schöne wechselseitige Wegbegleitung entstanden, für die ich sehr dankbar bin.

 

Wie muss man sich Ihre Tätigkeit als Generalsekretär in dieser schwierigen Zeit vorstellen?

 

Es war für mich vor allem eine außerordentlich arbeitsintensive Zeit. Ich habe es als meine Aufgabe gesehen, vor allem die Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren sicherzustellen: unter den Bischöfen, manchmal mit Amtsleitern einzelner Diözesen, mit den anderen Religionsgemeinschaften, mit den staatlichen Stellen und nicht zuletzt mit den Verantwortlichen der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit. Die Mitarbeiter des Generalsekretariats, die von heute auf morgen im Home Office waren, haben mich dabei wie gewohnt mit großem Einsatz und viel Kompetenz unterstützt. Auch habe ich von Anfang an am Krisenstab der Erzdiözese Wien teilnehmen dürfen, um einerseits Informationen weiterzugeben, aber auch um unvermittelt mitzubekommen, welche Fragen sich einer Diözese bei der Umsetzung der Vorgaben der Bischofskonferenz stellen.

 

Schwierig war im Bereich der Bischofskonferenz vor allem der Umstand, dass innerhalb kurzer Zeit ziemlich weitreichende Entscheidungen getroffen werden mussten und der Informationsstand dafür bei allen Beteiligten möglichst gleich sein sollte. Das erfordert regelmäßige, knappe, und verständliche Kommunikation. E-Mail ist da für mich das geeignete Mittel. Manche Bischöfe haben dafür gerne zum Telefon gegriffen und mich auf diese Art kontaktiert und ihre Fragen gestellt. Es gab Momente, in denen ich das Gefühl hatte, mehreres Dringendes gleichzeitig erledigen zu müssen. Hier weder den Überblick noch die innere Ruhe, zu verlieren, war das Gebot der Stunde.

 

Die Bischofskonferenz hat sich bemerkenswerterweise sofort auf die Krise eingestellt und kurzfristig eine neue Struktur beschlossen: es wurde eine Kommission, bestehend aus den beiden Erzbischöfen und den Bischöfen der beiden größten Diözesen nach Wien (sprich Linz und Graz-Seckau), eingesetzt, die wöchentlich die anstehenden Fragen berät und den übrigen Mitgliedern der Bischofskonferenz einen Entscheidungsvorschlag unterbreitet, der meist am darauffolgenden Tag im Umlaufweg beschlossen wurde. Es war dabei meine Aufgabe, wöchentlich die anstehenden Themen zu sammeln und zu ordnen, die Tagesordnung und das Protokoll zu erstellen, von den Gesprächen zu berichten, die ich mit den staatlichen Stellen geführt habe, und dann die Entscheidungen der Bischofskonferenz den Betreffenden mitzuteilen. Das Gesprächsklima in dieser kleinen Bischöflichen Kommission war sehr freundlich, konstruktiv und herzlich. Das hat, denke ich, auch auf die anderen Bischöfe ausgestrahlt.

 

Wie gelang es Ihnen in der Zeit des gottesdienstlichen „Lockdown“, den Glauben zu pflegen und die Hoffnung zu bewahren?

 

Mein persönliches Gebetsleben konnte ich unverändert pflegen. Zwei Dinge haben mein Glaubensleben aber besonders geprägt: Die tägliche Feier der Messe am Marienaltar im Dom ist mir zu einer vorübergehenden Heimat geworden. Ich konnte auf diese Weise meinen Teil dazu beitragen, dass die Kirche weiterhin lebt, dass sie betet und feiert, und ich konnte so alle Menschen, für die ich in der einen oder anderen Weise Verantwortung trage, vor Gott bringen. Mir war bewusst, dass bei dieser Art der Feier auch liturgisch manches angefragt werden kann. Aber ich habe mir da immer gedacht: es ist jetzt eine Ausnahmesituation und ich versuche, meinen Teil beizutragen – wissend, dass vieles, das sonst richtig wäre, wie die Teilnahme vieler Menschen an der Eucharistiefeier, einfach nicht möglich ist.

 

Christliches Leben besteht aber nicht bloß aus der Liturgie, so bedeutsam sie ist. Ebenso zentral ist die Nächstenliebe. Wenn geübte Nächstenliebe auch bedeutet, die drohende Not zu sehen und das zu tun, das mir zur Verhinderung oder Linderung der Not möglich ist, dann war für mich Folgendes klar: mangelnde Kommunikation kann zu großer Not führen. Diese ist zwar nicht materiell, aber sie löst Unklarheit aus und verhindert nötige Entscheidungen, worunter auch Unbeteiligte leiden können. Daher habe ich das Aufrechterhalten einer möglichst klaren internen Kommunikationsstruktur als meine Art gesehen, in dieser Situation Nächstenliebe zu üben: an den Bischöfen, aber auch an allen, die von ihren Entscheidungen abhängen.

 

Diese Bereiche – persönliches Gebet, Liturgie und Nächstenliebe – haben mich dabei unterstützt, einen Schritt nach dem anderen zu setzen. Jeder Tag hatte seine eigene neue Herausforderung. Wie beim Gehen lag ein Mal der Schwerpunkt auf dem einen Bein, dann auf dem anderen Bein. Nicht immer war alles geradlinig, sondern – wie beim Gehen – ein notwendiges Schwanken. Aber ich war zu jedem Zeitpunkt überzeugt und von der Hoffnung getragen, dass wir vorwärts und in die richtige Richtung gehen. Und der Rückblick bestätigt das bisher.

 

Wie haben Sie dabei das Zusammenwirken von Staat und Religionsgemeinschaften erlebt?

 

Die Zusammenarbeit mit dem Staat und den Religionsgemeinschaften war in den vergangenen Wochen unterschiedlich eng. Wenige Tage vor Beginn des „Lockdown“ wurden alle Religionsgemeinschaften von Bundeskanzler Kurz bei einem Treffen, an dem auch Kardinal Schönborn und ich teilgenommen haben, gebeten, die Feier öffentlicher Gottesdienste auszusetzen. Es war für die Religionsgemeinschaften eine schwere Entscheidung, dies dort zusagen zu müssen, aber es gab dazu keine Alternative. Leitend war für alle dabei die Überzeugung, dass dieser Schritt notwendig ist aus Verantwortung für den Schutz anderer Menschen. Die Religionsgemeinschaften haben daraufhin für sich selbst Regeln erlassen, die ihr jeweils spezifisches gottesdienstliches Leben gemäß der Notwendigkeit geordnet haben.

 

Der Kontakt mit den staatlichen Stellen wurde dann wieder enger, sobald wir an die Wiederaufnahme öffentlicher Gottesdienste denken konnten. Dazu gab es regelmäßige Gespräche im Hintergrund, aber auch große Videokonferenzen zwischen der für Religionsfragen zuständigen Bundesministerin Susanne Raab und den Vertretern der gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften. Wir Religionsgemeinschaften haben auch versucht, uns, soweit möglich, über Videokonferenzen abzusprechen. Ich habe mehrmals per E-Mail die Vertreter der Religionen über den Stand der Gespräche informiert und bin einigen auch telefonisch für Auskünfte und Abwägungen zur Verfügung gestanden. Die Katholische Kirche nimmt hier nicht zuletzt aufgrund ihrer Größe auch Verantwortung für kleinere Kirchen und Religionsgemeinschaften wahr. Allerdings wurden auch wir hin und wieder von Entscheidungen der Regierung überrascht und konnten dann bloß darauf reagieren. Glücklicherweise haben unter den Religionen mit wenigen Ausnahmen alle ihre Nerven bewahrt und verantwortungsvolle Entscheidungen getroffen. Letztlich sind wir ja alle aufeinander angewiesen.

 

Bedauert habe ich persönlich bloß, dass es der Regierung bei ihrer ersten Pressekonferenz nach Ostern keiner Erwähnung wert war, dass Hunderttausende Christinnen und Christen auf die Gottesdienste zu Ostern verzichten mussten. Die Enttäuschung darüber habe ich in Form ziemlich vieler Beschwerde-Mails zu spüren bekommen, in denen die Sorge geäußert wurde, man habe auf die Kirche vergessen. Dies hat den Druck mancher Menschen auf die Bischöfe, denen sie Tatenlosigkeit und mangelndes Verhandlungsgeschick gegenüber der Regierung unterstellt haben, erhöht.

 

Dabei waren es gar keine Verhandlungen, die mit der Regierung geführt worden sind. Vielmehr haben Gespräche auf Augenhöhe über die jeweils notwendigen Schritte anhand der Expertise, die die Regierung geleitet hat, stattgefunden. Leitend war dabei die Absicht, dass gottesdienstliches Leben nicht durch die Regierung, sondern ausschließlich durch die jeweilige Religionsgemeinschaft aufgrund einer gemeinsamen Vereinbarung geregelt wird. Das hat verhindert, dass die Polizei Gottesdienste kontrollieren kann, und ermöglicht, flexibler auf Veränderungen zu reagieren. Diese Vorgangsweise hat aber auch dazu geführt, dass nicht immer klar war, wer wofür Verantwortung trägt: die Regierung hat betont, dass die Religionsgemeinschaften allen Beschränkungen freiwillig zugestimmt haben. Umgekehrt haben manche Religionsgemeinschaften die Auffassung vertreten, dass es sich um Vorgaben der Regierung gehandelt hat, die man umsetzen musste. Es gab auch Religionsgemeinschaften, die meinten, dass die Katholische Kirche ohnehin alles mit der Regierung ausgemacht hat und alle anderen dem bloß zustimmen konnten. Trotz dieser etwas unklaren Situation bin ich der Überzeugung, dass sie für die notwendigen Entscheidungen in der Krise die geeignete Vorgangsweise war, weil sowohl die Autorität der staatlichen Behörden als auch die Eigenständigkeit der Religionsgemeinschaften respektiert worden ist.

 

Im Zuge der Beschränkungen wurde u. a. die „Hauskirche“ als Modell für die Pastoral genannt. Wie schätzen Sie das ein?

 

Aus meiner Sicht waren hier zwei unterschiedliche Bewegungen wahrnehmbar. Da gab es die Einen, die die Chance ergriffen haben, um das Gebet in der Familie neu zu beleben oder überhaupt damit anzufangen. Es wurde, glaube ich, noch nie so viel vom Gebet in der „Hauskirche“ gesprochen. Es war aber zur selben Zeit auch feststellbar, dass manch einer befürchtete, dass das Christsein vorübergehend ohne die Feier der Eucharistie überhaupt nicht möglich ist. Da ist etwas zum Vorschein gekommen, das bisher zu wenig sichtbar war, nämlich dass auch „Hauskirche“ gelernt sein will. Wer sie bisher gepflegt hatte, dem fehlte zwar mit der sonntäglichen Eucharistiefeier etwas Zentrales, bei dem blieb aber auch gleichzeitig vieles unverändert. Dass nun deutlich geworden ist, dass das Gebet in den kleinen sozialen Gemeinschaften, wie der Familie oder der Nachbarschaft, wieder neu gelernt werden muss, sehe ich als etwas Positives. Die Hauskirche ist nämlich etwas, das wir in der Zukunft brauchen werden, um als Kirche lebendig zu bleiben oder an manchen Orten überhaupt erst wieder lebendig zu werden.

 

Sehen Sie eine neue kirchliche „Post-Corona“-Realität am Horizont, in der ein neues Bewusstsein für die Bedeutung religiöser Berufungen erwacht?

 

Ich zähle mich nicht zu den Zukunftsforschern bzw. zu jenen, die sich zutrauen, jetzt schon große Linien der Zukunft erkennen zu können. Meine Vermutungen beziehen sich eher auf die Gegenwart bzw. die nähere Zukunft. Es heißt ja „Not lehrt beten“. Ich habe diesen Satz immer als zynisch angesehen, weil er den Glauben instrumentalisiert und auf die Bewältigung von Not reduziert. Er kann aber auch anders verstanden werden: Ich rechne damit, dass die Krise mit zunehmender „Normalisierung“ des gesellschaftlichen Lebens neue Fragen entstehen lässt: Was gibt meinem Leben Sicherheit? Wo bin ich von anderen Menschen in Anspruch genommen? Was bedeutet es für mein Leben, wenn es aufgrund eines Virus plötzlich zu Ende sein kann?

 

Manches, das bisher Sicherheit geboten hat, ist brüchig geworden. Dazu gehört das Vertrauen auf materiellen Wohlstand oder das Gesund- und Fitbleiben um jeden Preis ebenso dazu wie die rasche Vergnügung am Wochenende. Plötzlich ist nicht mehr alles in kurzer Zeit verfügbar. Der Ausverkauf von WC-Papier – so belächelt das von vielen zurecht wurde – hat doch etwas gezeigt: die Menschen mussten sich schlagartig Gedanken darüber machen: was brauche ich eigentlich wirklich? Was würde mir so sehr fehlen, dass ich auch in Krisenzeiten nicht darauf verzichten kann?

 

Wo diese Fragen nicht beiseite geschoben werden, sondern in ihrer Bedeutsamkeit einen Menschen erreichen, da wird auch die Gottesfrage unausweichlich. Es wird die Frage deutlich: wofür lohnt es sich zu leben? Wofür bzw. für wen möchte ich mein Leben einsetzen? Von der Beantwortung dieser Fragen ist es, denke ich, nicht mehr weit, die eigene Berufung zu entdecken. Das kann auch die Entdeckung bedeuten, von Gott in einer Weise in Anspruch genommen zu werden, dass ein geistlicher Beruf eine echte Option wird.

 


Zur Person

DDr. Peter Schipka ist Generalsekretär der Österreichischen Bischofskonferenz und seit 1996 Mitglied der „miteinander“-Redaktion.

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