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Aus dem neuen »miteinander«

Beziehung verpflichtet

Essay von Franca Spies

Menschen binden sich an die Kirche als eine treue Begleiterin. Daraus erwächst zugleich eine Verpflichtung der Kirche den Gläubigen gegenüber. Sie muss sich gleichermaßen als verlässlich und veränderungsfähig erweisen. Von Franca SPIES

miteinander 7-8/2026

miteinander 7-8/26

Wenn ein Stromanbieter keinen Strom mehr liefert, sucht man sich notgedrungen einen neuen. Wenn die Versicherung nicht mehr die besten Konditionen bietet, sucht man sich – in diesem Fall mit weniger Druck – eine neue. Mit den Bundesbahnen verhält es sich schon schwieriger: Die Möglichkeiten des Wechselns sind begrenzt, was aber dem Wunsch danach vielfach keinen Abbruch tut. Deutlich komplexer, wenn nicht sogar ganz anders als bei Dienstleistungsunternehmen, zeigt sich die Lage in der katholischenKirche. Zweifelsohne empfindet eine große Zahl an Menschen so hohe Unzufriedenheit, dass sie den Kirchenaustritt als institutionellen Bruch wählt. Auch wiederholen sich die Appelle an reformorientierte Gruppen, doch „einfach evangelisch zu werden“, statt Veränderungswünsche gegenüber der katholischen Kirche zu artikulieren.


Was Kirche „liefert“
Trotzdem geht die Logik des Anbieterwechsels bei der Kirche fehl: Viele Unzufriedene wollen bleiben, so entsteht der paradoxe „Widerspruch aus Loyalität“ (Klaus Mertes). Er richtet sich gegen die kirchlichen Leitungsebenen, die Entscheidungen treffen und Strukturen verkörpern, die dem eigenen Bild von Kirche offenkundig entgegenstehen. Aber was „liefert“ eigentlich die Kirche, wie ein Stromanbieter Strom anbietet? Die kurze Andeutung einer kritisch-loyalen Kirchenbiografie zeigt, wie breit und womöglich sogar in sich widersprüchlich die Dinge sind, die Menschen von der Kirche entgegengebracht werden – oder besser gesagt: die sie im Raum der Kirche erfahren. Die Auseinandersetzung mit der Institution im engen Sinne, beispielsweise mit der Hierarchie oder mit den Lehren über Glaube und Moral, sind sicherlich ein Bestandteil kirchlicher Identität. Die eigentliche kirchliche Bindungskraftentsteht aber wohl nur in den wenigsten Fällen durch das Nachdenken über den päpstlichen Primat – sondern aus gelebtem Glauben, aus ritueller Verbundenheit, aus Schärfung eigener Überzeugungen, aus kirchenmusikalischem Engagement, aus geschlossenen Freundschaften und Gemeinschaftserfahrungen, aus politischen und sozialen Lern- und Gestaltungsräumen. Kirche ist nicht nur Behörde, sondern Vollzug.

"Wer an Gottes Offenbarung in der Welt glaubt,

hält den echten Fragen und Bedürfnissen der Menschen stand

– und rechnet damit, dass Gott auch im alltäglichen Leben spricht.

Glaube und Kirche bewähren sich darin,

dass sie sich von der Welt berühren lassen, deren Teil sie sind."

Treue – trotz allem
Der Unterschied zum Stromanbieter ist damit mindestens ein doppelter. Erstens: Menschen hängen ihr Herz überhaupt an die Kirche – nicht, weil sie ein Produkt konsumieren, sondern weil sie, wie Karl Rahner einst prognostizierte, etwas erfahren haben. Zweitens: Menschen hängen ihr Herz auch an eine Kirche, von der sie womöglich denken, dass sie das nicht verdient. Treue zur Kirche gibt es trotz (oder gerade in) Unzufriedenheit, Irritationen und Brüchen. Nichts könnte dies deutlicher machen als das vielfach öffentliche Ringen um die eigene Kirchenzugehörigkeit seit Bekanntwerden des sexuellen Missbrauchs und seiner Vertuschung durch Kleriker. Die Institution und die in der eigenen Biografie vollzogene, erfahrene Kirche sind oftmals nicht deckungsgleich. Ist die Kirche als Institution damit aus der Verantwortung entlassen? Im Gegenteil! Wenn mir jemand die Treue hält, selbst in Enttäuschungen oder gar Verletzungen, werde ich dadurch umso mehr in die Pflicht genommen. Das Gelingen zwischenmenschlicher Beziehungen lässt sich auf die Kirche übertragen: Sie ist nicht „fein raus“, weil Menschen sich in einer Kirche aufgehoben und ihr verbunden fühlen, die mehr ist als die Institution. Folglich scheint weniger die immer wieder gestellte systemlogische Frage angebracht, was die Kirche tun kann, um wieder mehr Menschen für sich zu gewinnen, als vielmehr die beziehungslogische Frage, wie die Kirche mit denen umgehen soll, die sie bereits gewonnen – oder noch nicht verloren – hat.


Von der Welt berührt
Eine solche Form von Beziehungspflege stellt längst keine Anforderung mehr dar, die von außen an die Kirche herangetragen würde, sondern vielmehr einen Anspruch, unter den sich die Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil selbst gestellt hat. In den immer wieder aufflammenden Debatten um die Rezeption des Konzils bleibt daran zu erinnern, dass insbesondere (aber nicht nur) die Pastoralkonstitution Gaudium et spes ein binäres Denken von Kirche und Welt zugunsten eines inkulturierten Modells aufgegeben und so die Dialogizität allen kirchlichen Handelns hervorgehoben hat. Nicht umsonst kann dieser paradigmatische Wandel als Begründung einer neuen „Wissensform des Glaubens“ beschrieben werden, „bei der die Aufmerksamkeit auf die übernatürliche Offenbarung dazu führt, den bedrängenden Fragen der Menschheit nicht auszuweichen“ (Hans-Joachim Sander). Wer an Gottes Offenbarung in der Welt glaubt, hält den echten Fragen und Bedürfnissen der Menschen stand – und rechnet damit, dass Gott auch im alltäglichen Leben spricht. Glaube und Kirche bewähren sich darin, dass sie sich von der Welt berühren lassen, deren Teil sie sind. Worauf also ist die Kirche durch die Beziehungen verpflichtet, die so viele Menschen mit der Kirche halten? Auf Antwortfähigkeit statt Selbstreferenz, also die Bereitschaft, sich von der begegnenden Wirklichkeit verändern zu lassen; auf Schuldfähigkeit statt Abwehr, also das Eingeständnis eigener Fehler bis in die Tiefen der eigenen Überzeugungen; auf Verlässlichkeit in konkreten Nöten und Ängsten, also die Bereitschaft, bei allen Menschen zu bleiben, die ihrerseits einen Vertrauensvorschuss brauchen.

 


miteinander 7-8/26

Dr. Franca Spies

ist Professorin für Dogmatik an der Paris Lodron Universität Salzburg.

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