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Herzklopfen

Auf Eis und ewig

Das Motiv des Herzens ist so alt wie die Kunst selbst. Und doch unterliegt es gerade auch in seinen religiösen Ausprägungen bis heute starken Veränderungen. Eine kultur- und kunstgeschichtliche Umschau von Johannes Rauchenberger.

 

Das Herz als Bild ist uralt. Das Alte Ägypten kannte die "Herzenswaage", das "Herz aus Stein" ist wahrscheinlich gar so alt, wie es eben Menschen gibt. Das "… und gebe euch ein Herz aus Fleisch" ist in der Nachschrift des Ezechiel Tausende Jahre nachher noch in der christlichen Osternacht zu hören. Ostern bedeutete demnach jedenfalls, die Hartherzigkeit hinter sich zu lassen. Das deutsche Wort "Barmherzigkeit" ist – ähnlich wie das lateinische "miseri-cordia" – eng mit dem Herzen verbunden.

 

Ein "brennendes Herz" wiederum ist ein Zeichen für Leidenschaft. Für die Liebe. In der Geschichte der Kirche freilich eher geistigen Zuschnitts. Zu einem bildlichen Massenphänomen haben es Herzen erst durch den Katholizismus des 19. Jahrhunderts geschafft, mächtig unterstützt von den damaligen Pastoralstrategien: Es wurden dabei nicht nur weit verbreitete Frömmigkeitspraktiken in kollektive Bahnen gelenkt, sondern sie rückten mitunter auch in gefährliche Nähe zur Politik, wie etwa im Gelübde des "Heiligen Landes Tirol" an das Herz Jesu.

 

Welche Währung zählt?

 

Das Herz-Jesu-Bild bedeutet im Konkreten, ein offenes Herz im oder auf dem Körper zu zeigen. Parallel wurde dieses Motiv auch am Herzen Mariens abgebildet. Rund 150 Jahre später sind es noch die verblichenen Bilder auf Seitenaltären oder auf den Dachböden unserer (Ur-)Großeltern, die an diesen offensichtlichen kollektiven Sog erinnern. Später wurde das als Kitsch der Altvorderen empfunden – zumindest hatte man diese Bilder aus dem privaten Bildgebrauch entfernt. Das Herz-Jesu-Bild hat den Rationalismus der 1960er-Jahre eigentlich nicht überstanden. In den historischen Kirchen ist es wohl eher aufgrund der bestehenden Denkmalgesetze geblieben.

 

Zwar knüpfen neue Bilder der Barmherzigkeit, wie etwa die Vision jener polnischen Schwester Faustyna aus den frühen 1930er Jahren, die Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 zur Schaffung des "Barmherzigkeitssonntags" anleitete, an die oben erwähnten Bilder wieder an. Es sind freilich nur mehr Strahlen, nicht mehr das offene Herz. Und dennoch – es bleibt stets auch kitschig.

 

Die Kunst hat das mitunter aufgenommen oder sie hat dabei auch gegengesteuert: Nicht Strahlen, dafür aber Seile, die sich auf Galerieräume verteilen, ließ beispielsweise die Wiener Künstlerin Zenita Komad in der Ausstellung "I LOVE GOD" (KULTUMgraz, 2012) aus der Seite eines "Gottes-Bilds" sprießen, das den Titel: "Gott in Jeans-Jacke" führte. "GOTT IST nicht NICHTS", trägt die Göttin/der Gott als Aufschrift unter seiner/ihrer Jacke. Das "nicht" ist offensichtlich nachträglich eingefügt. Seile, die sich in alle Räume verteilen, das heißt übersetzt: Wir sind vernetzt, es gibt Quellen, muss Quellen geben, die diese Vernetzung auch legitimieren. Das Bild mit den Seilen aus der Seite endete bei einem anderen Bild mit einem tatsächlichen Herzen: Es lag vor einem Bankomaten. Soll bedeuten: Welche Währung zählt eigentlich? Kann das Herz, die Barmherzigkeit, das Mitempfinden, die Warmherzigkeit und Herzlichkeit etc. … als Zahlungsmittel abgehoben werden? Oder aber: Besetzt das Herz die Energie des Geldes?

 

Und selbst beim Kitsch der Herz-Jesu-Bilder hat die Kunst erfolgreich gegengesteuert: Über Joseph Beuys wird erzählt, dass er 1971 einer alten, frommen Frau aus Neapel kitschige Herz-Jesu-Bildchen abgekaufte habe: Darauf hatte er anschließend geschrieben: "Christus, der Erfinder der Elektrizität." "Christus, der Erfinder der Dampfmaschine." "Christus, der Erfinder des II. Thermodynamischen Hauptsatzes." Will heißen: Beuys hatte diesem alten und abgegriffenen Bild eine Restenergie zugestanden. Und er machte die Bildchen, die ihm die Frau überlassen hatte, (wieder) zu Kunst. Zu Beuys-Kunst.

 

Flammende Herzen

 

Das Herz als Metapher für Energie: Der Wiener Künstler Andreas Leitner machte daraus 2005 ein künstlerisches Projekt, in jedem Menschen quasi die göttliche Energie sichtbar zu machen. In einer Weihnachtspredigt hatte er den Satz von Angelus Silesius aufgefangen: "Wäre Gott tausendmal in Bethlehem geboren, aber nicht in Dir, Du bliebest doch ewiglich verloren." Nicht in Dir – das saß.

 

Er machte daraus ein Projekt. Wie diese Behauptung künstlerisch umsetzen? Es fiel ihm dazu das Herz-Jesu- und das Herz-Marien-Bild ein, die er verwendete, um die Personen zu malen, die von einem göttlichen Kern ihre Existenz bezogen: In der vielteiligen Bildinstallation waren etwa Mutter Teresa, Jesus, Mozart, Madonna, die Madonna, Osama bin Laden, Georges Bush zu sehen … Kurz, Menschen sehr unterschiedlicher Natur, deren "flammendes Herz" man jedenfalls partiell auch meiden möchte. Flammende Herzen: Sie können auch für das Falsche brennen. Aber wer sagt, was falsch ist? Abkühlung ist mitunter durchaus gut für brennende Herzen. Eine Form von Abkühlung ist schlicht der rationale Diskurs und mit ihm die Kraft des Arguments.

 

Schmelzendes Eis

 

Die Vorstellung der Abkühlung hat die Wiener Künstlerin Claudia Märzendorfer in der oben erwähnten Ausstellung "I LOVE GOD" in ein sehr temporäres Bild gebracht: Sie machte den Herzschlag der Künstler-Kollegin Zenita Komad hörbar – allerdings auf einem ganz speziellen Medium: auf einer klassischen Langspielplatte aus Eis. Die Platte wurde einmal pro Woche aus dem Gefrierschrank geholt und auf dem Plattenspieler aufgelegt: Etwa sieben bis zehn Sekunden war der dumpfe Herzschlag zu hören. Dann spätestens waren die gepressten Rillen zerschmolzen. Der erzeugte Ton verfloss. Nicht der Stein war hier das Gegenbild zum schlagenden Herzen, sondern das Eis, das schmolz.

 

Zeitlichkeit ist auch dem Herzen angemessen. Es schlägt ein Leben lang – kürzer oder länger. Würde es als Folge der medizinischen Machbarkeit gleichsam "ewig" schlagen, könnte es sein, dass die Verheißung für ein Leben nach dem Tod in einen Fluch verwandelt wird, den die Wiener Künstlerin Petra Sterry in die Frage: "Wie lange dauert das ewige Leben?" gegossen hat. Das Herz schlägt in der Mitte, aber es hört niemals auf.

 

Johannes Rauchenberger


 

MMag. Dr. Johannes Rauchenberger, Studium der Kunstgeschichte und Theologie in Graz, Tübingen und Köln, leitet das Kulturzentrum bei den Minoriten in Graz und ist Lehrbeauftragter für Kunst und Religion an den Universitäten Wien und Graz.

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2016 | Ausgabe April

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