Kontakt

Ihr Ansprechpartner:

Redaktionsleiter "miteinander"

Mag. Lukas Cioni

Stephansplatz 6

1010 Wien

Tel.: +43 1 516 11-1500

 

Sie haben eine neue Adresse? Schreiben Sie uns hier oder rufen uns unter DW 1504 an.

 

Redaktion & Impressum

Gott|Vertrauen

Gott vertrauen?

Misstrauen zerrüttet menschliche Beziehungen und soziales Miteinander. Doch was lässt uns eigentlich Vertrauen schenken? Eine Spurensuche

 

Trau, schau wem! Eine Lebensweisheit, die sich an der Enttäuschung gebildet hat: Man hat nicht gut genug hingeschaut – und das Vertrauen fehlinvestiert. Das soll mir nicht noch einmal passieren. Ich werde mich erst wieder trauen zu vertrauen, wenn ich sorgfältig geprüft habe, ob da jemand mein Vertrauen wirklich verdient und hinreichend glaubwürdig ist. Sich trauen zu vertrauen, über den Schatten der Vorsicht und des Misstrauens zu springen, das geht nur, wenn man weiß, wo man ankommt; wenn man davon ausgehen darf, dass man gut ankommt, hinüberkommt. Man hat den Sprung vor sich – und die Mahnung zur Vorsicht im Ohr: Lass dich nicht darauf ein, wenn du nicht übersehen kannst, wohin du gerätst und was man da mit dir anfangen wird!

 

Vertrauen ins Leben

 

Aber es hat so viel schon angefangen mit mir. So viel Vertrauen habe ich investiert. So viele haben ihr Vertrauen schon in mich gesetzt. Ich lebe in einem Netz des Vertrauens und werde von ihm getragen – wenn es nicht zerreißt. Ich lebe von Vertrauens-Vorschüssen; und ich gewähre sie oft unbesehen. Da ist ganz elementar die Gewähr, dass ich mich auf so vieles verlassen kann, was meinen Alltag ausmacht: auf die Währung, der ein genau bestimmter Wert beigelegt wird, so dass ich sie gezielt einsetzen kann, um meinen Alltagsbedarf an Gütern zu decken; auf das Gewaltmonopol des Staates, das mir in der Regel Sicherheit vor Übergriffen gewährt; auf eine gewisse Gutwilligkeit und Kooperationswilligkeit meiner Mitmenschen, die mich schon nicht dauernd in die Pfanne hauen werden.

 

Elementar und bevor ich selbst Vertrauen investieren kann, lebe ich von einem Vertrauensvorschuss, der mir Vertrauen ins Leben gibt. Menschen haben darauf vertraut – und tun es immer noch –, dass es gut ist, dass ich lebe, dass ich mich ins Leben hinein entfalte und mitbringe, was "in mir steckt", in mir wächst. Es ist gut, dass ich da bin und mich einbringe, mich mitbringe dahin, wo menschliches Leben geteilt, ermöglicht und erkämpft wird, zur Blüte kommt, abstirbt. Es ist gut, weil das Leben ein wenig menschlicher wird, wenn ich darin vorkomme. Menschen heißen mich mit so viel Vertrauensvorschuss willkommen. So helfen sie mir ins Leben hinein; so gründen sie in mir das Vertrauen ins Leben.

 

Dinge in der Hand haben

 

Wo es nicht so ist, fehlt das Lebensvertrauen; wuchert elementares Misstrauen, das sich nur dabei beruhigen kann, dass ich die Dinge selbst in die Hand bekomme oder zu denen gehöre, die die Dinge in der Hand haben. Wer im Innersten enttäuscht ist, weil ihm die Gutheißung seines Lebens nicht mitgegeben und immer wieder bewahrheitet wird, scheint dazu verurteilt, sich das Vorenthaltene zu nehmen – oder es denen "abzunehmen", die ihn missbrauchen und für eigene Zwecke ausbeuten werden. Irgendetwas, irgendwer muss das Vertrauen darauf, dass es gut ist da zu sein, doch rechtfertigen, will man nicht in den Abgrund der Selbst-Missachtung stürzen.

 

Aber wie kommt man dazu, denen zu vertrauen, die mir das bezeugen: Es ist gut, dass du da bist! Woher haben sie ihre Glaubwürdigkeit? Wieso kann ich mich darauf verlassen, dass sie Recht haben? Es ist gut, wenn mir immer wieder neue Weggefährtinnen – oder die alten mit neuer Überzeugungskraft – dieses Zeugnis glaubwürdig machen, indem sie mich als ein Gottes-Geschenk ansehen und annehmen und mir helfen, dieses Geschenk zu sein. Das ist gut für mein Lebens- und Selbstvertrauen, das in den Enttäuschungen und den elementaren Erfahrungen, bedeutungslos zu sein, kaum überleben würde. Wie kommt man dazu, dagegen anzuglauben?

 

Gott geht niemals verloren

 

Es hilft, wenn man die Erfahrung macht: Du bist nicht bedeutungslos, sondern ein unendliches wertvolles Geschenk für mich und ans Leben. Du dürftest nicht fehlen! Wenn es mir an dir aufgeht, kann ich dein Zeugnis eher glauben, dass es auch für mich gilt. Aber es liegt nicht in unser beider Macht, dass das wahr wird: Das Geschenk, das du bist und das ich sein kann, geht nicht verloren. Es wird unverlierbar Gutes aus dir und aus mir. Dieses Lebens-, Liebes- und Selbstvertrauen nährt sich – wenn es lebendig bleibt – aus dem Vertrauen darauf, dass Gott uns niemals verloren gibt. Gottvertrauen: Er sieht uns als so bedeutsam an, dass wir ihm fehlen würden, wenn wir nicht da wären – nicht da wären, wo er uns braucht.

 

Wider die Bedeutungslosigkeit

 

Vielleicht ist das ja der äußerste Narzissmus, aufgeboten gegen die Lebens-Selbstverständlichkeit, verloren zu gehen, auch wenn wir hie und da für diese und für jenen Bedeutung gewinnen mögen. Aufgeboten gegen die entsetzlichen Erfahrungen, so gleichgültig wie ein Stück Holz, das folgenlos verfault oder verglüht; als gleichgültig behandelt zu werden: als bedeutungsloses Menschenmaterial in den Höllen von Verdun, Hiroshima, Aleppo. Das darf doch nicht wahr bleiben. Wir wären sonst alle hineingezogen in den Abgrund völliger Bedeutungslosigkeit, früher oder später, schonender oder mit höchster Grausamkeit.

 

Das Gottvertrauen kann sich kaum schützen gegen die Verwundungen, die ihm dieser Verdacht beibringt. Um wieviel tapferer wäre es, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen und als quantité négligeable hinzunehmen. Dich auch? Alle diejenigen, die man genau so behandelt? Denen man Tag für Tag demonstriert, dass sie zu nichts gut sind? Alle diejenigen, die man als Schmaddes bezeichnete, als Unrat, denen verboten ist, von sich als Opfer zu sprechen, die als solche noch zu etwas gut sein könnten? Claude Lanzmann hat berichtet, wie man versuchte, Juden diese äußerste Entwürdigung anzutun, ehe man sie umbrachte und entsorgte. Vielleicht ist es die einzige Möglichkeit, gegen die Entwürdigung zur quantité négligeable anzuglauben, wenn man es immer wieder mit dem Gottvertrauen versucht, wenn man ihm Raum und eine Chance zu geben versucht. Vielleicht wird es mich erfüllen, mir wenigstens die Kraft geben, nicht an die "Götter" zu glauben, die sich die Allmacht anmaßen, Menschen ihre Bedeutung zu nehmen; nicht an die Götzen, die sie eigenen Interessen unterwerfen.

 

Leidenschaft nach Gerechtigkeit

 

Gottvertrauen: sein Herz an Gott hängen, wie Luther es mit Jeremia sagt (Jer 12,3); ihm mein Leben, Suchen, Hoffen, meine ungestillte Leidenschaft nach Liebe und Gerechtigkeit und Zukunft anvertrauen. Nicht zulassen, dass andere sich darin ungefragt breitmachen. Mein Herz ihm geben, cor dare: Das ist eine alte Etymologie des Wortes credere (glauben); sprachlich wohl unzutreffend, aber in der Sache treffend. Bei Gott ist es gut aufgehoben. Er möge es mit Hoffnungs- und Liebeskraft erfüllen, so dass es mich bewegt, mich hineinzugeben in seine Herrschaft, in das Gute, das er mit uns anfangen und in sich zur Vollendung bringen will.

 

Ob das nur eine lebensdienliche Illusion ist, zu Recht angefochten von den Grausamkeiten, die Tag für Tag über diese Welt kommen? Mein Herz möge daran nicht glauben, möge die Kraft haben, dagegen anzuglauben. Es möge von Ihm die Kraft zum Senfkornglauben haben. Was bleibt uns als dieser Glaube: dass aus dem unendlich Kleinen, das wir sind, der Same wird, der in dieser Welt einwurzelt und in ihr Gottes gute, unzerstörbare Herrschaft wachsen lässt.

 


 

Jürgen Werbick

Prof. Dr. Jürgen Werbick lehrte von 1994 bis 2011 Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Zum theologischen "Klassiker" wurde inzwischen sein 2005 erschienenes Werk "Den Glauben verantworten. Eine Fundamentaltheologie".

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2016 | Ausgabe Mai/Juni

Jetzt kostenloses Probeabo bestellen!

CANISIUSWERK
Zentrum für geistliche Berufe

Stephansplatz 6
1010 Wien

Telefon: +43 1 516 11 1500
E-Mail: office@canisius.at
Darstellung: