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Wege zur Versöhnung

Kaiser Franz Josef I. und die Religion

Vor 100 Jahren – am 21. November 1916 – starb Kaiser Franz Josef I. Sein Tod bedeutete zugleich den Anfang vom Ende der letzten "katholischen Großmacht" Europas: der Habsburger-Monarchie.

 

Ein kirchenhistorischer Erkundungsgang von Rupert Klieber

 

Die weit verbreitete Einschätzung, dass Österreich-Ungarn die "katholische Großmacht" Europas war, speist sich vor allem aus dem Vergleich mit den anderen europäischen Mächten der Zeit: dem "anglikanischen" Weltreich Großbritanniens, dem zuletzt radikal laikalen Frankreich, dem protestantisch-preußisch dominierten Kaiserreich der Deutschen, dem muslimischen Osmanischen Reich und dem orthodoxen russischen Zarenreich. Zweifellos war die katholische Kirche in Österreich-Ungarn in vielfacher Weise privilegiert. Das Herrscherhaus hatte einen besonderen sakral-katholischen Nimbus und in manchen Regionen war der Katholizismus praktisch konkurrenzlos (z.B. in Tirol).

 

Aber: Die Donaumonarchie war nicht nur ein Vielvölkerstaat, sondern auch ein multireligiöses Reich. Nur zwei Drittel der Bevölkerung waren als römisch-katholisch registriert, ein Fünftel lebte in ostkirchlichen Traditionen, ein Zehntel gehörte einem der protestantischen Konfessionen an, fünf Prozent bekannten sich als jüdisch und mehr als ein Prozent als muslimisch. Die Monarchie setzte stärker als andere Großmächte auf die "religiöse Karte". Nach der Revolution von 1848 und mit den liberalen Gesetzen der 1860er Jahre wurden auch die nicht-katholischen Konfessionen spürbar aufgewertet, insbesondere die jüdischen und evangelischen Gemeinden.

 

Der Kaiser demonstrierte bei Stadtbesuchen allen örtlichen Religionsgruppen sein Wohlwollen und spendete auch großzügig für ihre Schul- und Kirchenbauten. Die Betroffenen dankten es mit einem Kaiser-Patriotismus, der sich bis zur Jahrhundertwende sogar auf die einheimischen Kreise des Protestantismus erstreckte (in Form einer Verehrung der "guten" Kaiser Josef II. und Franz Josef I.). Im Gegenzug erwartete der Staat von den religiösen Amtsträgern Loyalität, eine ausgleichende Haltung und eine Unterstützung des Gemeinwohls über die partikularen Interessen der Volksgruppen hinaus. Zwar nahm die Loyalität der "Religionsdiener" im Laufe der Jahrzehnte ebenfalls ab, blieb aber bis zum Ersten Weltkrieg stärker ausgeprägt als bei der "weltlichen Intelligenz" der jeweiligen Nationalitäten.

 

Ein frommer Regent?

 

Die Habsburgerdynastie stand geschichtlich für eine lange kämpferisch-katholische Tradition. Die (geschriebene wie ungeschriebene) Reichsverfassung des Kaiserstaates Österreich bzw. Österreich-Ungarns konzedierte dem Monarchen weitreichende Befugnisse in kirchlichen Belangen (z.B. die Ernennung von Bischöfen und Domherrn). In Ungarn kam dazu der Mythos um die Krone des Hl. Gründerkönigs Stephan als "Apostels der Ungarn". Liturgisch demonstriert wurde die hohe innerkirchliche Stellung etwa in der prominenten Teilnahme an der prunkvollen Fronleichnamsprozession der Hauptstadt, bei der der Kaiser unmittelbar nach dem Allerheiligsten einherschritt, oder bei der Fußwaschung am Gründonnerstag im Stephansdom, wo er die rituelle Rolle Christi einnahm und zwölf alten Männern die Füße wusch. Der Kaiser wurde bei allen Messen im Hochgebet memoriert.

 

Die persönliche Haltung Franz Josefs ist differenziert zu betrachten. Er wuchs in einem sehr bigotten familiären Umfeld auf – geprägt vor allem von seiner Mutter Sophie – und hatte prominente Kirchenmänner als Erzieher (etwa den Theologieprofessor und späteren Erzbischof von Wien, Othmar Rauscher). Sie vermittelten ihm wohl erfolgreich, dass er sein Amt von Gott erhalten habe und ihm gegenüber in besonderer Weise verpflichtet war. Zeit seines Lebens zeigte Franz Josef denn auch ein ungeheucheltes religiöses Pflichtbewusstsein und einen ehrlichen Respekt vor kirchlichen Regelungen und Amtsträgern. Am deutlichsten zeigte sich dies in der Art und Weise, wie er die zweifellos größte persönliche Tragödie seiner Regentschaft zu bewältigen suchte: den Mord und Selbstmord des Thronfolgers Rudolf. Über dem Ort des Verbrechens stiftete er ein Sühnekloster, das sich bis heute dem Dienst der religiösen Genugtuung widmet.

 

In den heißen Phasen des Kulturkampfes, als ein Gericht den widerständigen Linzer Bischof Franz Rudigier wegen Widersetzlichkeit gegen neue Schul- und Ehebestimmungen sogar zu einer Arreststrafe verurteilte, entspannte Franz Josef die Lage mit einer sofortigen Amnestie. Einem Klostergesetz, das den gesamten Ordensbereich stark reduziert und unter strenge staatliche Bevormundung gestellt hätte, verweigerte er die Unterschrift.

 

Nüchtern und pragmatisch

 

Wie sein gesamtes Amtsgehabe blieb jedoch auch Franz Josefs Frömmigkeit Zeit der Regentschaft pflichtbetont nüchtern und zeigte keinerlei Neigung zu Schwärmerei, Frömmelei oder ideologischem Sendungsbewusstsein. Übertriebenen Eifer oder gar Fanatismus lehnte er ab. In seinen Augen sollte Religion dazu beitragen, Menschen mildtätig, loyal und pflichtbewusst werden zu lassen, aber nicht sie gegeneinander aufhetzen. In diesem Sinne unterstützte er wohl großzügig religiöse Unternehmungen wie die zahlreichen neuen katholischen Frauenkongregationen, z.B. die Gründung der Franziska Lechner zugunsten weiblicher Dienstboten, der er sogar einen Teil vom Schlosspark des Belvedere überließ.

 

Gegenüber dem kämpferischen ultramontanen Katholizismus der Zeit und ebenso der zuerst populistisch-antisemitischen christlichsozialen Bewegung blieb er jedoch auf Distanz. Dem nachmals gefeierten Wiener Bürgermeister Karl Lueger verweigerte er anfänglich sogar mehrfach die Bestätigung. Auch unterstützte er nie wie Thronfolger Franz Ferdinand eine weltanschaulich kämpferische Organisation wie den Katholischen Schulverein oder zelebrierte wie sein Nachfolger Karl eine beinahe bigotte Kirchlichkeit, die knapp einhundert Jahre später mit der Seligsprechung belohnt wurde.

 

Rupert Klieber

 

Rupert Klieber ist a.o. Professor für Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Zum Thema erschien von ihm zuletzt der Band „Jüdische / christliche / muslimische Lebenswelten der Donaumonarchie 1848-1918“, Böhlau-Verlag, Wien 2010.

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2016 | Ausgabe Oktober/November

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