Freitag 20. April 2018
Wofür lebst du?
Alphonse Fahin
"Ich lebe dafür, ein Werkzeug Gottes zu sein. Wie? Ich lasse mich einfach von ihm führen." Alphonse Fahin, Steyler...
Wofür lebst du?
Alphonse Fahin

"Ich lebe dafür, ein Werkzeug Gottes zu sein. Wie? Ich lasse mich einfach von ihm führen." Alphonse Fahin, Steyler Missionar, Wien

"Ich lebe dafür, ein Werkzeug Gottes zu sein. Wie? Ich lasse mich einfach von ihm führen."


Alphonse Fahin, Steyler Missionar, Wien

 

Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Mayr

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Ohne Netz und doppelten Boden
Leitartikel März/April Ausgabe
von Chefredakteur Henning Klingen
Ohne Netz und doppelten Boden
Leitartikel März/April Ausgabe

von Chefredakteur Henning Klingen

Die Familie. Die Liebe. Die Freude. Die kleinen Momente der Muße und des Glücks. Den erfüllenden Job. Die Menschen, die sich auf mich verlassen: Vermutlich gibt es so viele Antworten auf die Frage „Wofür lebst Du?“, wie es Menschen auf der Welt gibt. Und doch werden sich viele dieser Antworten da und dort ähneln: Familie und Liebe wären vermutlich weit vorn …

 

Tatsächlich interessant machen diese Antworten jedoch nicht in erster Linie jene Aspekte des persönlichen Glücks, der Befriedigung eigener Bedürfnisse. Solches Glück droht rasch zu welken und nicht durch die dunklen Momente tiefer innerer Leere hindurchzutragen. Interessant ist vielmehr jener vorsichtig ertastete Lebenssinn, der sich ganz dem anderen verdankt. Der nicht aus mir selbst herauskommt, sondern den ich mir schenken lassen muss. Von meinen Kindern, die mich brauchen, von Hilfsbedürftigen, die mein Helfen mit dem wohligen Gefühl bedanken, Sinnvolles zu tun. Die höchst persönliche Frage nach dem Lebenssinn – sie ist gar nicht so persönlich. Sie ist interpersonal, weist ein in Gemeinschaft. Ohne den anderen kein Sinn, kein Zweck, kein Ziel.

 

Und es zeigt sich darin zugleich: Sinn ist nichts, was man einmal „hat“, was man besitzt. Sinn erweist sich im Handeln, im Tun. Nur wenn ich mich dem anderen aussetze, mich in seine Hand lege, zu seinem Werkzeug machen lasse, kann ich mir Sinn schenken lassen. Entsprechend stimmen mich auch jene Antworten skeptisch, die vollmundig und mit der Inbrunst religiöser Überzeugung vom Lebenssinn wie einem Besitz reden. Glaube nur gut genug – und die Sinnfrage erledigt sich von selbst. Ist das wirklich so? Sind religiöse Menschen vor der Gottesverdunkelung gefeit? Ich zweifle.

 

Tatsächlich zehrt das Christentum von der Zusage, dass Gott derjenige sei, der mich gerade dann trägt, wenn ich ihn am schmerzlichsten vermisse. Denn Gott ist biblisch gesehen ein Zeitwort: So antwortet Gott im Buch Exodus auf die Frage des Mose, wie er denn heiße, mit der geheimnisvollen Formel „Ich bin der ‚Ich bin da‘“. Nicht mehr – aber eben auch nicht weniger. Es gibt keine fix fertigen Antworten. Es bleibt uns nichts erspart. Wir bleiben bei unserer Suche nach Sinn voll und ganz auf den Nächsten verwiesen. Auch und vielleicht gerade als religiös musikalische Menschen.

 

Und so wollen auch wir im „miteinander“ diese Frage weiterhin stellen und Sie zu Wort kommen lassen. Die Antworten finden Sie verstreut in den nächsten Ausgaben unter der Frage „Wofür lebst Du?“ Mögen Sie die Antworten inspirieren und motivieren, sich dieser im Alltag so oft verdrängten Frage bewusst zu stellen!

Die Drei Affen und der Ich-Mensch
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Ingeborg Schödl
Die Drei Affen und der Ich-Mensch
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Ingeborg Schödl

 

Die meisten Menschen werden sie sicher kennen. Es gibt sie in verschiedenen Ausführungen, aus Keramik, Holz, sogar auch aus Plastik. Eine Zeitlang waren sie fast verschwunden, aber dafür tauchen sie jetzt wieder verstärkt auf: Ich meine die drei Affen, die als Symbol für „nichts sehen, nichts hören und nichts reden“ gelten. Ihre Haltung wird meist als Meinungslosigkeit, Desinteresse, auch mangelnde Zivilcourage interpretiert.

 

Wenn ich von meinem Seitenschiff aus die Umwelt betrachte, so scheint für viele Menschen das Verhalten der drei Affen wieder ein Vorbild zu sein. Fixiert auf das vielfältige Angebot der sozialen Medien pflegen sie mit ihrer unmittelbaren Umwelt kaum Kontakt. Man ist zwar nach allen Richtungen hin vernetzt, aber blind für die Situation des Mitmenschen nebenan. Viele rühmen sich, Hunderte Facebook-Freunde zu haben, sind aber trotzdem beziehungslos. Das Nahverhältnis zu einem Menschen erfordert nämlich mehr, als nur mit ihm zu twittern.

 

Die „Drei-Affen-Haltung“ ist eine Lebenseinstellung für Ich-Menschen. Wenn ich mich abschotte, nichts sehen, hören und reden will, dann trage ich auch nicht die Verantwortung für gesellschaftliche und politische (Fehl-)Entwicklungen mit. Die Auswirkungen solchen Verhaltens haben wir im 20. Jahrhundert schon einmal erlebt. Wenn mehr Menschen hingeschaut hätten, die politischen Machttöne gehört und den Mund aufgemacht hätten, wäre einiges zu verhindern gewesen. Und heute? Das „Drei-Affen-Prinzip“ hat wieder Hochsaison. Ist halt doch bequemer.

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2018 | Ausgabe März/April 2018

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Sei mutig!

"Für eine neue Kultur des Kirche-Seins"

In vielen Diözesen laufen Strukturreformen, um Kirche zukunftsfähig zu machen. Ob diese Prozesse erfolgreich sind, hängt vor allem von der Einbindung der Gläubigen vor Ort ab.

 

In vielen Diözesen laufen Strukturreformen, um Kirche zukunftsfähig zu machen. Ob diese Prozesse erfolgreich sind, hängt vor allem von der Einbindung der Gläubigen vor Ort ab.

 

Herr Dr. Hennecke, in vielen Diözesen laufen derzeit Strukturreformprozesse. Bei vielen bleibt bei den Gläubigen an der Basis der schale Beigeschmack eines reinen Spar- und Kürzungsprogramms, über das das Deckmäntelchen eines neuen Aufbruchs gelegt wird. Muss das so sein?

 

Man muss in der Tat gut unterscheiden zwischen Strukturprozessen und inhaltlichen Prozessen der Kirchenentwicklung. Der Strukturreformprozess ist die Aufgabe der Kirchen- oder Diözesanleitung, die dafür sorgen muss, dass man angesichts knapper Ressourcen und auch einer kleineren Zahl von Priestern pastoral handlungsfähig bleibt. Das ist aber nur ein Aspekt. Uns wird ja immer stärker bewusst, dass wir Kirche insgesamt neu denken müssen: Auf der einen Seite spüren ja alle, dass der christliche Glaube in einem tiefen Umbruch steht – Glauben ist nicht selbstverständlich, und die Formen, ihn gemeinsam zu leben, verändern sich. Auf der anderen Seite ist Kirche nicht zuerst Institution und Struktur, sondern das Volk Gottes, alle, das Evangelium leben wollen, Kirche sein wollen. Und deswegen müssen alle viel stärker auf einen solchen Weg der Veränderung mitgenommen und begleitet werden. Der Ärger, den Sie ansprechen, entsteht immer dann, wenn die Menschen in den Gemeinden auf diesen neuen inhaltlichen Weg nicht mitgenommen werden und den Eindruck haben, sie verlieren ihre spirituelle Heimat. Wenn ich hingegen mit den Gläubigen spreche und mich auf ihre Situationen einlasse, ihnen Freiraum gebe, dann erfahren sie das als Motivation und Empowerment, ihr gemeinsames Priestertum verantwortungsvoll wahrzunehmen. Das findet aber oft noch viel zu wenig statt.

 

Gerne wird in Situationen des Stillstands oder in Patt-Situationen auf Rom verwiesen und gesagt, es müsste sich lehramtlich etwas ändern, um Laien mehr Rechte zu geben. Stimmt das, oder ist das eine Ausrede?

 

Ich bin überzeugt, dass wir viel mehr Möglichkeiten der Partizipation und des verantwortungsvollen Handelns haben, als wir uns eingestehen. In der Taufe steckt so viel Freiheit und im besten Sinne des Wortes Zu-Mutung – wir dürfen das nur neu entdecken. Gemeindebildung und -entwicklung ist nicht Sache einer kleinen kirchlichen Elite, sondern Sache von uns allen. Wir müssen da nicht auf Rom schielen, sondern nur praktizieren, was uns durch die Taufe schon immer geschenkt ist.

 

Im Zuge der Vergrößerung pfarrlicher Strukturen wird in Reformprozessen gern darauf verwiesen, dass es um die Entwicklung der lokalen und örtlichen Gemeinden geht, und dass man mit dem Aufbau kleiner geistlicher Einheiten wie etwa Hauskirchen oder Familienrunden beginnen solle. Können diese kleinen Gemeinschaften tatsächlich die Lücke ausfüllen, die die Pfarren hinterlassen?

 

Das steht nicht gegeneinander: Kirche ist nie zuerst Institution und Struktur, sondern zuerst und vor allem eine Sammlungsbewegung Gottes: Das Evangelium wird bezeugt und verkündet, und es wächst Gemeinschaft in unterschiedlicher Weise. Von daher geht es immer um die Frage, wie wir unsere Sendung leben und welche Gestalt das Evangelium hier annimmt: kleine oder große Gemeinschaften, die aus der Kraft des Evangeliums leben. In ihrem Dienst stehen alle Strukturen, die wir als Kirche geschaffen haben: denn das geistliche Amt und die Sakramente, die wir feiern – sie dienen dazu, dass Menschen das Evangelium durch Tat und Wort bezeugen können, in den Einrichtungen der Caritas, den Schulen, in den Krankenhäusern, im Stadtteil, in den vielen Initiativen, überall. Darauf kommt es doch an. Und dazu braucht es dann – in sehr unterschiedlicher Weise – Orte, an denen Christen neu genährt werden: im Teilen des Evangeliums und in der Feier von Liturgie. Aber nochmal: Wir sollten der Strukturdebatte bei der Frage nach der Zukunft von Kirche nicht so viel Raum geben. Ob Menschen ihren Glauben entfalten können oder nicht entscheidet sich in der persönlichen Begegnung – manchmal geschieht dies in einer kleinen Gemeinschaft, manchmal auch in den großen Einheiten wie Caritas oder Diakonie. Kirche ist keine homogene Masse, sondern ein bunter Strauß von Orten, die ihre Zukunftstauglichkeit dadurch zeigen, ob sie Menschen ermöglichen, ihre Charismen zu entdecken und zu leben.

 

Was lehrt in den Fragen der (Struktur)Reform der Blick in andere Weltgegenden und andere Diözesen?

 

Es ist immer hilfreich, über den eigenen Tellerrand zu blicken auf die positiven Erfahrungen in anderen Regionen. Das befreit uns von der Gefahr der Enge und Provinzialität und macht uns katholisch. Ich habe dabei entdecken können, dass in anderen Kontinenten und Ortskirchen die lokalen Gemeinschaften im Mittelpunkt standen. Hier waren über Jahrzehnte Prozesse in Gang gekommen, die die Verantwortung der Christen vor Ort stärken, die vor allem auch geistlich sehr tief in der Schrift gegründet waren. Man denke an das Bibelteilen. Aber es ist immer gefährlich, Dinge einfach kopieren zu wollen. Das funktioniert in den seltensten Fällen. Aber man kann sich entzünden lassen und lernen, dass alle erfolgreichen Erneuerungsprozesse immer eine Sache verbindet: Eine neue Kultur des Kirche-Seins. Diese hat sich bereits im Konzil abgezeichnet und kommt heute immer stärker zum Vorschein – in Amerika anders als in Europa, in Afrika anders als in Asien.

 

Inwiefern betrifft diese Kultur-Frage auch die Berufungspastoral, also das kirchliche Ringen um neue Berufungen, um neue Priester und Ordensleute?

 

Ich bin mir sicher, dass wir auch in dem Bereich ganz neue Ansätze brauchen. So sollten wir etwa nicht nur von der "klassischen" Berufungspastoral-Frage ausgehen, wie wir neue Priester und Ordensleute oder kirchliche Mitarbeiter finden können, sondern wir müssen uns fragen, wie wir jungen Menschen einen Raum bieten können, in dem sie die Gelegenheit haben, nach ihrem Lebenssinn und ihrer möglichen Lebensberufung zu fragen und dies in Gemeinschaft. Ich glaube, wir müssen viel stärker auf diese Grundsehnsucht antworten und Menschen spannende und erlebnisstarke Räume bieten, wo sie über diese Dinge nachdenken und miteinander ins Gespräch darüber kommen, wo aber auch Christsein und Christwerden eingeübt wird. Und es braucht eine professionelle und authentische Begleitung durch Christen, die die Suchenden unterstützen, die die richtigen Fragen zur rechten Zeit stellen, und die mit ihrem eigenen Christsein bezeugen, dass es ein Modell gibt, wie wir heute Christen sein können. Dazu braucht es aber auch den Mut, Menschen gezielt anzusprechen, wenn spürbar wird, dass sie für einen Dienst in der Kirche in Frage kommen.

 

Die österreichischen Diözesen bieten etwa "Theotage" für Schulklassen an, sind auf Berufsinfo-Messen präsent und versuchen mit eigenen Veranstaltungsreihen auf kirchliche Berufe hinzuweisen. Greift das zu kurz?

 

Das kann nützlich sein, weil bei solchen Veranstaltungen oder Begegnungen etwa mit Schülern erste Informationshäppchen geboten werden. Aber das ist nur ein erster Schritt. Ich glaube, es würde sich viel mehr lohnen, für die Zielgruppe der jungen Erwachsenen zwischen 16 und 30 Räume zu schaffen, in denen sie ihr Christsein leben und sich miteinander austauschen können – etwa in Sommer-Camps. Es geht um die positive Erfahrung des Miteinander-Lebens.

 

Es mangelt uns also an Mut, die Menschen wirklich anzusprechen?

 

Vor allem in Frankreich habe ich einen neuen Zugang zum Thema Berufung gefunden. Es geht beim "Rufen" ja darum, dass wir im Miteinander entdecken, welche Gaben der oder die andere hat – und dies anzusprechen, "hervorzusagen", zuzusprechen – das mein Rufen. Natürlich muss es dann eine Resonanz im Anderen geben: kann ich als Angesprochener entdecken, was mir da zugesagt wird – und könnte das Gottes Weg für mich sein? Dazu braucht es aber Gelegenheiten, in denen ein Miteinander gelebt wird, in denen wir einander kennenlernen können und wir Glauben leben und tiefer entdecken können. Ich habe das in geistlichen Gemeinschaften und Verbänden erlebt, aber ich denke, es braucht auch solche Erfahrungen in der Breite unserer Kirche. Und, ja, es braucht den Mut, Menschen etwas zuzusprechen, woran sieDr. Christian Hennecke (*1961) ist Leiter der Hauptabteilung Pastoral in der norddeutschen Diözese Hildesheim. Zuvor war er u.a. acht Jahre lang für die Priesterausbildung seiner Diözese verantwortlich. vielleicht noch nicht oder doch nur selten gedacht haben.

 

Das Gespräch führte Henning Klingen

 

Dr. Christian Hennecke (*1961) ist Leiter der Hauptabteilung Pastoral in der norddeutschen Diözese Hildesheim. Zuvor war er u.a. acht Jahre lang für die Priesterausbildung seiner Diözese verantwortlich.

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe Mai/Juni 2017

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