Saturday 30. July 2016
Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Grabner

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Atemlos!
Leitartikel Juli/August 2016
Leitartikel Juli/August 2016
Von Chefredakteur Henning Klingen
Atemlos!
Leitartikel Juli/August 2016
Leitartikel Juli/August 2016

Von Chefredakteur Henning Klingen

Die Zeit scheint aus den Fugen zu sein. Je mehr Zeit wir gewinnen, desto schneller zerrinnt sie uns zwischen den Fingern. Wir hasten und kommen immer zu spät. Selbst auf weltpolitischer Bühne rast die Zeit: politische, soziale, wirtschaftliche, militärische Krisen wechseln sich ab. Kaum ist die eine überstanden, droht schon wieder neues Ungemach. Alles wird schneller, und früher war es besser…

Solche Zeitkritik gehört zum Lieferumfang des zeitgenössischen Weltbildes und kommt heute rasch über die Lippen. Entsprechend gibt es Zeittheorien und Bremshilfen wie Sand am Meer – Entschleunigung ist angesagt. Man möchte dem täglichen Hamsterrad entkommen, durchschnaufen, langsamer machen. Gerade die Sommerzeit scheint dazu geeignet. Aber sei es der Familienurlaub am Mittelmeer, die Pilgerwanderung durch die Steiermark oder die Backpacking-Tour durch Asien: Stets bleibt Erholung an Bewegung, an Rastlosigkeit gekoppelt. Fast scheint es, als sei die Beschleunigung – wie es der Soziologe Hartmut Rosa konstatiert – die eigentliche, zentrale menschliche Triebfeder der Gegenwart.

Zum Problem wird diese Beschleunigung, wo sie den Menschen vom Boden hebt, wo das Rauschen des geschwinden Alltags jedes Gespür für die Welt, den Mitmenschen, das Wesentliche abhandenkommen lässt. Burnout! Aber machen wir uns nichts vor: Wo auch immer und wie auch immer wir "langsamer machen" – wir entkommen dem Rasen der Zeit nicht. Lebenszeit ist begrenzt – und je mehr man vom Leben, gerade auch vom Leben der Anderen weiß, umso mehr bleibt in der verrinnenden Lebenszeit zu tun. Vielleicht führt der Rettungsweg nicht weg aus dieser Welt, sondern genau in sie hinein. Das jedenfalls ist Hartmut Rosas These: Wenn ich schon nicht das Rad anhalten kann, so kann es mir doch gelingen, das Gefühl für die Welt zu bewahren. "Resonanz" nennt der Soziologe diese Kunst.

Resonanz erfährt auch der, der ein intensives Glaubensleben führt. Denn wo wird die Welt, das Leben "resonanter", also "sprechender", als im Gebet? Wo ich Gott als Antwortenden erfahre, der die Zusage gibt, dass diese irrsinnige Welt dennoch seine Welt ist, dort verzweifle ich nicht an den rasenden Zeitläuften. Im Gegenteil. Ich fühle mich vielleicht sogar bestärkt, Welt-Verantwortung in meiner zerrinnenden Zeit wahrzunehmen. Und diese wird mir derzeit wohl von keiner anderen Gruppe so vor Augen geführt wie von den Flüchtlingen. Denn auch sie sind Welt in Bewegung: rastlos, atemlos. Und sie gieren nach Resonanz – danach, dass die Welt nicht stumm bleibt, sondern ihnen antwortet.

Barmherzigkeit & Zärtlichkeit
Aus dem Seitenschiff
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Ingeborg Schödl
Barmherzigkeit & Zärtlichkeit
Aus dem Seitenschiff
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Ingeborg Schödl

Eine Umfrage unter Kinderärzten in Deutschland hat ergeben, dass immer mehr Kinder an "Sprachlosigkeit" leiden. Verblüffend, wo doch heute die Knirpse früher via Handy kommunizieren, als sie nach dem Topf verlangen. Aber die Ursache liegt auf einer anderen Ebene: Den Kindern fehlt zunehmend die Fähigkeit und Bereitschaft, die Gefühle anderer Personen zu erkennen und darauf einzugehen.

Dass die Erwachsenen dafür ein Beispiel geben, beobachte ich von meinem "Seitenschiff" aus schon länger. Obwohl noch nie so viel geredet wurde wie heute und die Bussi-Bussi-Gesellschaft nach dem Motto "Wir haben uns alle so lieb" agiert, reduzieren sich die zwischenmenschliche Beziehung auf Null: Wen interessiert es wirklich noch, wie es dem anderen geht? Wer will auf die Sorgen und Nöte seines Nächsten noch eingehen? Die Anonymität der neuen Medienwelt bietet zwar eine Unzahl von Kontaktmöglichkeiten, jedoch auf Distanz. Auf einem Kalenderblatt las ich: "Das größte Geschenk, das ich einem anderen Menschen geben kann, ist ihn zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Nur so entsteht Kontakt." Wer aber schenkt das heute noch?

Papst Franziskus meinte unlängst, dass wir Mut zu mehr Zärtlichkeit haben sollten, denn das würde uns helfen die schwierigen Probleme des Menschen neben uns mitzutragen. Ein guter Rat im "Jahr der Barmherzigkeit": Ein mehr an Zärtlichkeit könnte sicher auch die Sprachlosigkeit unserer Zeit überwinden helfen.

 

Aus dem neuen »miteinander«

"Wir müssen das Fundament neu bauen"

Bischof Krautwaschl zur Zukunft der Berufungspastoral

Berufungspastoral hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Menschen wollen bei der Suche nach ihrer Lebensberufung begleitet werden. Erst dann wird Berufung "im engeren Sinne" möglich. Diese Entwicklung macht auch vor dem Canisiuswerk nicht Halt.

 

Bischof Wilhelm Krautwaschl, Graz-SeckauHerr Bischof, Sie sind seit Jahren intensiv mit dem Thema Berufungspastoral befasst. Wie hat sich diese verändert?

 

Früher war die Aufgabe relativ klar: Berufungen fördern bedeutete, der Entscheidung zu geistlichen Berufen den Weg bahnen. Das funktioniert heute nicht mehr ohne weiteres, da es keine selbstverständlich christlich geprägte Kultur mehr gibt. Die Individualisierung und Pluralisierung macht auch vor der Religion nicht Halt – wir können nichts mehr voraussetzen an religiöser, geschweige denn kirchlicher Sozialisierung. Das heißt für die Berufungspastoral, dass wir überhaupt erst jenes Fundament neu bauen bzw. schaffen müssen, auf dem dann eine Entscheidung für eine bestimmte Berufung aufbauen kann.

 

Das heißt, Berufungspastoral muss heute lebensweltlich und breit ansetzen?

 

Ja, wenn wir mit den Menschen heute leben wollen. Das erste Ziel ist es, mit Personen ins Gespräch zu kommen und überhaupt erst die Frage zu artikulieren, was denn die je eigene Berufung ganz allgemein im Leben ist. Diesen breiten Ansatz haben wir übrigens auch im Leitbildprozess des Canisiuswerkes verfolgt, der 2012 endete. Unser Vorschlag sah u.a. vor, die Berufungspastoral in den Diözesen zu stärken, denn dort muss eben dieser Dialog mit den Menschen auf Augenhöhe forciert werden.

 

Derzeit läuft ein von der Bischofskonferenz begleiteter Prozess der Neuaufstellung des Canisiuswerkes, an der auch Sie aktiv beteiligt sind. Sollen dabei die Vorschläge aus dem neuen, aber noch nicht offiziell beschlossenen Leitbild aufgegriffen werden?

 

Für mich ist in diesem Prozess das Leitbild und damit ein breiter Ansatz der Berufungspastoral wegweisend. Es geht genau darum: Zu diskutieren, welche Akzente es auf nationaler Ebene braucht und welche Dinge besser in den Diözesen organisiert werden. Aber das bedeutet zugleich auch, dass wir uns in der Bischofskonferenz intensiver damit befassen müssen, was wir jeweils unter Berufungspastoral verstehen.

 

Das heißt, die Neuausrichtung des Canisiuswerkes muss als Teil eines größeren Diskussionsprozesses über die Zukunft wesentlicher Aspekte moderner Pastoral überhaupt gesehen werden?

 

So könnte man das sagen, ja. Als Christ wird man nicht geboren, Christsein bedeutet eine bewusste Entscheidung. Und der Weg dazu soll gut und einfühlsam bereitet werden. Das gilt für die Tätigkeit des Canisiuswerkes, aber letztlich genauso für die Seelsorge in jeder Pfarre. In ganz Österreich sind in Pfarren und Diözesen Prozesse der Neuausrichtung und der Neubestimmung der eigenen „Mission“ im Gang.

 

Inwiefern haben auch finanzielle Fragen etwas mit der laufenden Neuausrichtung zu tun?

 

Gute Pastoral kostet Geld. Genauso auch eine gute, ertragreiche Berufungspastoral. Mit dem nun begonnenen Prozess sollen die damit verbundenen Fragestellungen auf den Tisch kommen. Es braucht zweifellos weiterhin das Canisiuswerk, es braucht auch weiterhin das „miteinander“, um die Notwendigkeit zeitgemäßer Berufungspastoral medial zu transportieren. Die Spenden sollen auch weiterhin dort ankommen, wo sie benötigt werden: In Maßnahmen zur Förderung der Berufungen im breiten wie im engeren Sinne. Stipendien für Priesterseminaristen gab es immer und wird es auch künftig weiterhin geben –vielleicht sogar dringender denn je angesichts der hohen Zahl an Spätberufenen, die aus einem vorherigen Berufsleben aussteigen. Aber nochmal: Das Finanzielle steht nicht im Vordergrund. Unser Ziel ist es, die Berufungspastoral fit zu machen für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts.

 

Das Interview führte Henning Klingen

 


 

Das Gespräch erscheint im nächsten "miteinander", Ausgabe 1-2/2016.

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