Sonntag 21. Januar 2018
Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Mayr

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Gott sei Dank!
Leitartikel Jänner/Februar 2018
von Chefredakteur Henning Klingen
Gott sei Dank!
Leitartikel Jänner/Februar 2018

von Chefredakteur Henning Klingen

Eigentlich ist es ein Leichtes, ein Editorial zum Thema Dankbarkeit zu schreiben. Schließlich gibt es genügend Dinge, für die man dankbar sein darf: für die eigene Gesundheit, für eine wunderbare Familie, dafür, einen Job in einem der sichersten und reichsten Länder der Welt zu haben, in einer intakten ökologischen und sozialen Umwelt zu leben, und, und, und. Doch gleich schleicht sich das Unbehagen hinein: Ist dieser Blick auf das je eigene Glück nicht viel zu begrenzt? Blendet er nicht das überbordende Unglück in dieser Welt aus und verleitet zur Selbstzufriedenheit? Und lässt ein solcher Blick nicht außer Acht, auf welch dünnem Eis man sich mit diesem unverdienten Glück bewegt? So verlangt eine ihrer Unschuld entkleidete Lebensdankbarkeit vor allem nach einem: Demut. 

 

Es drängt sich aber noch eine weitere Frage auf, die den Bereich des Religiösen berührt: Wer ist eigentlich Adressat dieser Dankbarkeit? Macht Danken nicht nur einen Sinn, wenn mein Dank ein Gegenüber findet? Ein Gegenüber, dem ich etwas ver-danke? Religiös gestimmte Menschen werden sich nicht schwertun, diesen Dank gen Himmel zu schicken und ihre Dankbarkeit etwa in ein Dankgebet kleiden. Was aber machen Agnostiker, Atheisten in diesem Fall? Danken sie dem Schicksal? Oder ist Lebensdankbarkeit keine Kategorie für sie? Wäre dies vielleicht ein lebensweltlich geerdeter Ansatzpunkt für einen neuen Dialog zwischen Glaubenden und Nicht-Glaubenden fernab jeder staubtrockenen Naturwissenschaft vs. Religion-Debatte?

 

Dankbarkeit ist keine Kopfgeburt – sie stellt sich ein, flutet das Herz wie die Erfüllung eines sehnliches Wunsches in Kindertagen. Insofern ist niemand, auch kein sich noch so vehement agnostisch gebender Mensch, vor ihr gefeit. Manchmal ist es nur ein kurzer Moment, der jedoch die Welt und deren oft so mühsamen Verhältnisse in ein anderes, neues Licht rückt. Wer sich – und sei es auch nur für diesen kurzen Moment – verdankt weiß, wer sein Leben in die Hände eines anderen legen kann, dem wird diese Dankbarkeit gleichsam zur Labsal für eine säkular ausgetrocknete aber nach Mehr dürstenden Seele. Kein Gottesbeweis, gewiss, aber doch ein tief im Menschen verborgener Funke jenes Urvertrauens, welches uns der Alltag so oft raubt.

 

In diesem Sinne würde ich Dankbarkeit tatsächlich mit der britischen Schriftstellerin Charlotte Brontë (1816-1855) als „göttliches Gefühl“ beschreiben: „Sie erfüllt das Herz, aber nicht bis zum Zerspringen; sie erwärmt es, aber nicht bis zum Fieber wie andere Gefühle“. 

Wie die Grünen!
Aus dem Seitenschiff
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Georg Plank
Wie die Grünen!
Aus dem Seitenschiff
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Georg Plank

 

Das Wahlergebnis der Grünen bei den Nationalratswahlen wurde mittlerweile intensiv analysiert. Was könnte die katholische Kirche in unserem Land daraus lernen? Die Grünen wähnten sich im Besitz der richtigen gesellschaftspolitischen Diagnose und zugleich der Therapie, also der Politik, die angesichts aktueller Herausforderungen angemessen wäre. Die mangelnde Akzeptanz durch die Wähler begründet man mit einem zweifachen Kommunikationsproblem. Teilweise seien die Leute zu „deppert“ (Originalton Wiener Bürgermeister), teilweise müsse man die eigene Kommunikation verbessern, die „Sprache der Menschen“ wieder lernen etc.

 

Auch die Kirche sieht sich als Trägerin der Wahrheit, der zeitlos gültigen Frohen Botschaft, und ist überzeugt, dass das Befolgen derselben die beste Therapie für die vielen individuellen und sozialen Probleme – lokal und global – wäre. Daher reagiert auch sie gekränkt auf die schwindende Akzeptanz in der Bevölkerung, die sich nicht nur in Austritts- oder Messbesuchszahlen widerspiegelt, sondern im massiven Relevanzverlust, der sich in der konkreten Art und Weise ausdrückt, wie Menschen tatsächlich leben und handeln. Auch sie will sich in bessere Kommunikationskonzepte retten, ohne zu hinterfragen, ob die Prämisse dafür noch stimmt. Gerne wird zwar Klaus Hemmerle zitiert: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“ Wird das auch glaubwürdig und wirkungsvoll gelebt?

Georg Plank

Pastoralinnovation

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2018 | Ausgabe Jänner/Februar 2018

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Wir haben zu danken!

"Raus aus der kirchlichen Komfortzone"

Wie steht es heute, 100 Jahre nach Gründung des Canisiuswerkes, um dessen Auftrag und Aktualität? Inwiefern hat sich das Ziel, Berufungen zu wecken und zu fördern, verändert? – Ein „miteinander“-Interview mit Bischof Wilhelm Krautwaschl

 

• Herr Bischof, vor 100 Jahren – im Jänner 1918 – wurde das „Canisius-Werk zur Heranbildung katholischer Priester“ gegründet. Mit welchen Gefühlen blicken Sie als für Berufungspastoral zuständiger Referatsbischof auf dieses Jubiläum?

Zunächst empfinde ich natürliche eine große Dankbarkeit für das, was in diesen 100 Jahren geleistet wurde – von den Spendern ebenso wie von den engagierten Frauen und Männern, die sich um die Förderung geistlicher Berufe und Berufungen bemüht haben. Aber ich spüre auch die brennenden Sorgen vieler Gläubigen, wie es wohl an der „Basis“ weitergeht angesichts des weiter anhaltenden Priestermangels.

 

• Der Gründungsauftrag des Canisiuswerkes ist also nach wie vor aktuell?

Ich würde sogar sagen, er ist heute aktueller denn je. Wir brauchen Menschen – Priester wie engagierte Laien –, die vorangehen in Kirche und Gesellschaft; die Verantwortung übernehmen und ein großes Gespür für die Zeichen der Zeit mitbringen. Insofern ist die Aufgabe des Canisiuswerkes heute aber wohl auch komplexer als vor 100 Jahren – ganz einfach, weil die Welt komplexer geworden ist.

 

• Die Förderung von Priestern und Ordensleuten ist das Eine, die Förderung eines breiten kirchlichen Bewusstseins über die Rolle engagierter Laien das andere…

Ja, aber wir müssen heute meines Erachtens noch eine Etage tiefer ansetzen: Wir müssen uns erneut der ganz basalen Frage stellen, wozu Kirche eigentlich da ist. Können wir darauf noch beherzt und authentisch Antwort geben? Oder ist uns die Sinnhaftigkeit unseres Tuns nicht hier und da vielleicht abhandengekommen?

 

• Das hört sich ja schon fast nach einer Berufungspastoral-Agenda für die nächsten 100 Jahre an…

Ich bin überzeugt, dass wir uns neu diesen fundamentalen Fragen stellen müssen, bevor wir von konkreten Berufungen sprechen. Papst Franziskus macht es ja vor – wir müssen rauskommen aus unserer kirchlichen Binnenperspektive, unserer Komfortzone, und neu unsere Ziele in der Welt bestimmen. Wie begegnen wir etwa Menschen, die ganz ohne Transzendenzbezug leben, denen Gott nicht einmal mehr eine Frage wert ist? Ich habe keine endgültigen Antworten auf diese Fragen, aber ich bin mir sicher, ohne ein gehöriges Maß an Zutun von engagierten Laien wird’s nicht gehen.

 

• Viele Menschen identifizieren Kirche dennoch weiterhin mit Priestern und Ordensleuten – wenn es diese nicht mehr in ausreichendem Maße gibt, haben wir früher oder später ein Problem… Im vergangenen Jahr gab es in Österreich gerade einmal knapp über 20 Priesterweihen, in den letzten 10 Jahren sank die Zahl der Priester um 15 Prozent.

Ich kenne diese Zahlenspiele – aber sie sind ja immer nur die eine Seite der Medaille. Denn es schrumpft schließlich auch die Zahl aktiver Katholiken beständig. Und wir leisten uns zugleich ein starkes Pfarrsystem. In meiner Diözese, in der Steiermark, gab es in der Zeit zwischen 1950 und 2000 die meisten Pfarrbildungen. Nicht etwa im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit, nein, vor wenigen Jahren! Das müssen wir uns manchmal klarmachen, dass wir bei allen Katastrophenszenarien noch immer von einem hohen Maß an seelsorglicher Versorgung und auch Dichte sprechen.

 

• Aber nochmal konkreter gefragt: Müsste das Thema Berufungspastoral nicht ganz oben auf die Agenda der Bischofskonferenz?

Das Thema ist auf der Agenda – aber Sie haben Recht, es müsste wohl in seiner ganzen Komplexität noch höher gewichtet werden. Ich plädiere auch im Dialog mit den anderen Bischöfen stets dafür, den Blick allein auf die Rolle und Funktion des Priesters in der Kirche aufzubrechen. Da können wir meines Erachtens viel von anderen Ländern lernen, wo es wirkliche pastorale Not gibt – in Vietnam oder vielen Ländern Afrikas, die ich zuletzt besuchen durfte. Diese pastorale Not macht erfinderisch und lässt zu, ganz anders über die Rolle des Priesters und der Laien nachzudenken.

 

• Können Sie das etwas konkreter machen?

Nehmen Sie das Thema der Berufungspastoral. Das gibt es dort gar nicht. Allein der Begriff ist ja fast schon eine Krisenanzeige – denn sobald es eine selbstverständliche gläubige Praxis gibt, gibt es auch wieder Berufungen. Daher mein Appell, nicht bei den Ämtern anzusetzen, sondern bei einer Sanierung der täglichen Glaubenspraxis. Manchmal habe ich den Eindruck, wir haben vor lauter Theologie und vor lauter Strukturfragen diese Praxis aus dem Auge verloren. Wir denken zu sehr in unserem System Kirche. Zu wenig „von unten“. Die zentrale Aussage des „Mariazeller Manifests“ von 1952 – „eine freie Kirche in einem freien Staat“ – haben wir vielleicht noch nicht wirklich verinnerlicht.

 

• Aber allein mit einem in diesem Sinne charismatischen Ansatz würden Sie wohl auch die Komplexität dessen unterlaufen, was Kirche heute ist – nämlich ein sehr großer Arbeitgeber, ein sozialer Dienstleister, ohne den in viele Bereichen nichts geht.

Natürlich, aber diese Dienste sind ja kein Selbstzweck! Mein Ansatz ist es, zunächst auf unser eigentliches seelsorgliches Kerngeschäft zu blicken – dieses muss stimmen und von dem aus ergeben sich dann die anderen Dienste, die wir als Kirche erbringen. Der – wie Sie es sagen – „charismatische Ansatz“ ist meine Antwort auf eine allzu eingeschliffene kirchliche Praxis. Ich möchte die eigene Kirche, unsere – auch meine! – alltägliche Praxis irritieren, aufbrechen, hinterfragen. Und darin sehe ich letztlich auch eine wichtige Aufgabe des Canisiuswerkes: Es sollte dieser Stachel im Fleisch sein, der uns spüren lässt, dass Berufungen der Kirche ein inneres Anliegen sein und bleiben muss – dann hat es einen wichtigen Dienst erbracht. 

 

 

 

 

 

Das Interview führte Henning Klingen 

 

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2018 | Ausgabe Jänner/Februar 2018

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