Sonntag 19. August 2018
Wofür lebst du?
Rupert Santner
„Für Menschen, die ein Teil meines Weges werden. Für Gott, um mein Leben von Ihm sprechen zu lassen. Für das Schöne,...
Wofür lebst du?
Rupert Santner

„Für Menschen, die ein Teil meines Weges werden. Für Gott, um mein Leben von Ihm sprechen zu lassen. Für das Schöne, Wahre, Gute, das mein Herz immer wieder neu erfüllt.“ Rupert Santner, Priesterseminarist Salzburg

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Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Mayr

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Fremde Heimat
Leitartikel Juli/August 2018
von Chefredakteur Henning Klingen
Fremde Heimat
Leitartikel Juli/August 2018

von Chefredakteur Henning Klingen

Fremde Heimat

 

Seit 15 Jahren lebe ich nun in Österreich. Und noch immer sind Erdäpfel bei mir Kartoffel und Paradeiser Tomaten. Das Herz schlägt niederrheinisch, Erinnerungen, Freundschaften und Familie lenken meine Gedanken weiterhin häufig weg von hier – und auch mein Blick auf Österreich bleibt wohl immer ein Blick „von außen“. Bin ich damit schon ein Integrationsverweigerer? Nein, ich würde eher sagen: Ich ringe mit Heimat – mit der vergangenen wie mit der gegenwärtigen. Sie ist mir oft mehr Erinnerung, der Geschmack von Kindheit und Sorglosigkeit, vom klar umrissenen Planquadrat jugendlicher Bewegungsfreiheit zu Rad und zu Fuß. Wenn ich heute in Österreich neue Heimat gefunden habe, bedeutet das immer auch, sie ein stückweit für mich zu er-finden. Immer bleibt das Neue ein wenig fremd, nur Näherungswert.

 

Ein weiteres Schlaglicht: Zu den schwierigsten Aufgaben im redaktionellen Alltag zählt es, ein passendes Bild für das Cover einer Zeitschrift – etwa das „miteinander“ – zu finden. Es soll neugierig machen, das Thema bereits verraten und im Idealfall eine kleine Irritation oder Brechung beinhalten. Wenn man dazu in professionellen Bildergalerien nach dem Stichwort „Heimat“ sucht, wird man rasch fündig – und staunt: Seitenweise werden Fotos von Häusern am Land angeboten. Heimat, verkitscht nicht zur Bergidylle, sondern zum Traum vom Eigenheim. Dazwischen lächelnde Zwei-Kind-Familien. Klein ist er geworden, unser zu Bildern geronnener Traum von Heimat. Und wohl auch entsprechend anfällig für den (politischen) Missbrauch.

 

Und zuletzt: Religion. Es gehört zum Standard-Repertoire kirchlicher Sonntagsreden, Religion in den Kontext von Heimat zu stellen. Nicht selten verbandelt mit dem unseligen Begriff einer (von einigen wohl mehr herbeigesehnten denn tatsächlich vorhandenen) „Leitkultur“. Doch bietet Religion Heimat? Taugt sie – konkret: das Christentum in seiner jeweiligen volkskulturellen Ausprägung – als Bollwerk gegen die kalten Zeitläufte, die uns Heimat zwischen den Fingern zerrinnen lassen? Ich zweifle. Denn theologisch ist gerade das Christentum die Religion der Heimatlosigkeit: das Wüstenvolk auf permanenter Wanderschaft – Heimat einzig als Vision vom Land, in dem Milch und Honig fließen. Rastlos, ständig herausgefordert, Heimat neu zu finden und zu erfinden – dabei jedoch stets im Bewusstsein, dass Heimat nicht von Haben kommt, sondern von einer Vision, die – einem Wort Ernst Blochs zufolge – jedem in die Kindheit scheint, wo aber noch niemand war …

 

 

Weiden am Leiden
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl
Weiden am Leiden
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl

 

Weiden am Leiden

 

Manchmal frage ich mich, was in jenen Leuten vorgeht, die Hilfseinsätze behindern, um nur möglichst nahe das Leiden oder gar den Tod eines Menschen mitverfolgen zu können. Rettung, Feuerwehr und Polizei sind zunehmend mit dieser Sensationslust konfrontiert, wodurch ihr Arbeitseinsatz oft wesentlich verzögert wird. Um ein Leben zu retten, zählt aber jede Minute.

 

Was treibt die Menschen zu diesem Verhalten an? Ist in der zwischenmenschlichen Beziehung wirklich jedes Mitgefühl, jeder Respekt vor der Privatsphäre verloren gegangen? Manche meinen, der von den Medien geförderte Voyeurismus ist schuld daran. Stimmt sicher, aber gehörte dieses Weiden am Leiden anderer nicht immer schon zu den dunkelsten Seiten der menschlichen Natur?

 

Unter der Menge, die am Weg hinauf nach Golgotha stand, herrschte sicher nicht nur Mitgefühl. Die Hexenverbrennungen im Mittelalter arteten zu wahren Volksfesten aus und die unter der Französischen Revolution erfolgten Hinrichtungen wurden auch vom Jubel der Zuschauer begleitet. Und was war vor achtzig Jahren? Als 1938 die Hitler-Schergen die Juden zwangen, auf den Knien die Gehsteige zu säubern, drängten sich auch ihre Mitbürger um die beste Sicht.

 

Das menschliche Verhalten gegenüber dem Leiden anderer scheint sich nicht zu ändern. In einem aber schon: Heute stellt man per Handy das Gesehene ins Netz, um auch andere daran teilhaben zu lassen. Unlängst fiel mir ein Zitat in die Hände: Scham ist die Hüterin der menschlichen Würde. Scham? Ist das nicht heute ein Fremdwort?

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Themen & Schwerpunkte

Entschieden leben

Im alltäglichen Ringen mit den großen und kleinen Entscheidungen können durchaus auch die Ratschläge der großen Heiligen nützlich sein. Ein Blick in die Spiritualitätsgeschichte.

Entscheiden – Ja-Sagen oder manchmal auch Nein-Sagen oder: Vielleicht später. Unser ganzes Leben ist von Entscheidungen geprägt: Glaubt man Verhaltensforschern, sind es bis zu 20.000 Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen. Nun sind ja die wenigsten davon bewusste Entscheidungen, die wir überlegt treffen. Es bleibt ja auch gar nicht die Zeit dazu, vieles läuft spontan ab.

 

 Geht es nun aber um große Lebensentscheidungen, meint man doch, sie sich gut überlegen zu sollen, und dafür braucht es Kriterien. Schaut man sich in der christlichen Spiritualitätsgeschichte um, stößt man mit dieser Frage zuerst auf Ignatius von Loyola, den großen spanischen Heiligen, der den Jesuitenorden gegründet hat. In seinem „Exerzitienbuch“ erstellt er „Regeln, um irgendwie die verschiedenen Regungen zu verspüren und zu erkennen, die in der Seele verursacht werden: die guten, um sie anzunehmen, die schlechten, um sie abzuweisen“.

 

 Welchem Geist kann ich trauen?

Es handelt sich hierbei um Regeln zur „Unterscheidung der Geister“, eine zunächst spirituell-theologische Herangehensweise an Entscheidungen. Die Grundfrage: Von welchem Geist stammt ein Impuls, eine bestimmte Entscheidung zu treffen, und wie weiß man, ob man diesem Impuls folgen soll, diesem Geist trauen kann. Für Ignatius spielen hier die inneren Regungen des „Trostes“ und der „Trostlosigkeit“ eine große Rolle, ebenso wie die genaue Beobachtung der „Früchte“ einer Entscheidung – bringt sie inneren Frieden, Mut und starke innere Kräfte oder bewirkt sie das Gegenteil?

 

Die Annahme, dass unterschiedliche äußere Kräfte in uns wirken und uns in bestimmte Richtungen lenken wollen und dass diese daher genau zu prüfen sind, ist heute sicher nicht unwidersprochen. Oft begegnet einem eine merkwürdige „Was immer dich glücklich macht“- Einstellung, die sich aber langfristig nicht immer als tragfähige Basis für Entscheidungen herausstellt.

 

 

Papst Franziskus jedoch, der ja selbst Jesuit ist, hält eine richtige Anleitung zu einer geistlichen Unterscheidung für so wichtig, dass er die Bischofssynode 2018 im Vatikan unter das Thema „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsentscheidung“ stellt. Eine wichtige Grundaussage des Vorbereitungsdokuments für diese Synode ist: Jeder Christ ist zunächst von Gott berufen zu lieben – denn unser Leben wurde uns aus reiner Liebe von Gott gegeben. Darauf freudig Antwort zu geben und dies bewusst zu tun, soll die erste Entscheidung im christlichen Leben sein, noch vor der Entscheidung zu einem bestimmten Lebensstand, Wahl des Arbeitsplatzes oder Lebensumfeldes. Eine „Kultur der Berufung“ zum entschiedenen christlichen Leben mit aufzubauen, ist ihm ein wesentliches Anliegen.

 

Jeden Tag neu entscheiden

Ist eine Entscheidung einmal getroffen, kommt ein leicht anders akzentuiertes Wort zum Tragen: die Entschiedenheit. Dies finden wir wiederum ganz prägnant in der Spiritualitätsgeschichte, bei Teresa von Avila, einer ebenfalls spanischen großen Heiligen: Worauf es ankommt, ist die Entschiedenheit, nachdem man eine Entscheidung getroffen hat: „Für uns besteht die Hauptsache nur darin, dass wir uns ihm mit aller Entschiedenheit als Eigentum hingeben und hinwegräumen, was ihn hindern könnte, in uns hineinzulegen und von uns herauszunehmen, was er will.“

 

 

Entschieden zu leben bedeutet also aus christlicher Sicht, sich jeden Tag neu für die eigene Berufung zu entscheiden, sich immer wieder, auch im Alltäglichen, anscheinend Belanglosen zu überwinden, mit Entschiedenheit das zu tun – oder sein zu lassen –, was der Liebe mehr entspricht. Dass das nicht immer gut gelingt, wiegt dann nicht mehr ganz so schwer, wenn die Grundentscheidung – das Ja-Sagen zum ganz konkreten eigenen Leben, zum Anruf Gottes an jeden von uns – immer neu getroffen werden kann.

 

Daniela Köder

 

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2018 | Ausgabe Mai/Juni 2018

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