Sonntag 19. August 2018
Wofür lebst du?
Sr. M. Immaculata Ebner OCist
„an der Quelle leben aus der Quelle leben und anderen davon weitergeben“ Sr. M. Immaculata Ebner OCist...
Wofür lebst du?
Sr. M. Immaculata Ebner OCist

„an der Quelle leben aus der Quelle leben und anderen davon weitergeben“ Sr. M. Immaculata Ebner OCist Zisterzienserinnenabtei Mariastern-Gwiggen Weitere Statements finden Sie hier.

                               „an der Quelle leben
aus der Quelle leben
und anderen davon weitergeben“

Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Mayr

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Fremde Heimat
Leitartikel Juli/August 2018
von Chefredakteur Henning Klingen
Fremde Heimat
Leitartikel Juli/August 2018

von Chefredakteur Henning Klingen

Fremde Heimat

 

Seit 15 Jahren lebe ich nun in Österreich. Und noch immer sind Erdäpfel bei mir Kartoffel und Paradeiser Tomaten. Das Herz schlägt niederrheinisch, Erinnerungen, Freundschaften und Familie lenken meine Gedanken weiterhin häufig weg von hier – und auch mein Blick auf Österreich bleibt wohl immer ein Blick „von außen“. Bin ich damit schon ein Integrationsverweigerer? Nein, ich würde eher sagen: Ich ringe mit Heimat – mit der vergangenen wie mit der gegenwärtigen. Sie ist mir oft mehr Erinnerung, der Geschmack von Kindheit und Sorglosigkeit, vom klar umrissenen Planquadrat jugendlicher Bewegungsfreiheit zu Rad und zu Fuß. Wenn ich heute in Österreich neue Heimat gefunden habe, bedeutet das immer auch, sie ein stückweit für mich zu er-finden. Immer bleibt das Neue ein wenig fremd, nur Näherungswert.

 

Ein weiteres Schlaglicht: Zu den schwierigsten Aufgaben im redaktionellen Alltag zählt es, ein passendes Bild für das Cover einer Zeitschrift – etwa das „miteinander“ – zu finden. Es soll neugierig machen, das Thema bereits verraten und im Idealfall eine kleine Irritation oder Brechung beinhalten. Wenn man dazu in professionellen Bildergalerien nach dem Stichwort „Heimat“ sucht, wird man rasch fündig – und staunt: Seitenweise werden Fotos von Häusern am Land angeboten. Heimat, verkitscht nicht zur Bergidylle, sondern zum Traum vom Eigenheim. Dazwischen lächelnde Zwei-Kind-Familien. Klein ist er geworden, unser zu Bildern geronnener Traum von Heimat. Und wohl auch entsprechend anfällig für den (politischen) Missbrauch.

 

Und zuletzt: Religion. Es gehört zum Standard-Repertoire kirchlicher Sonntagsreden, Religion in den Kontext von Heimat zu stellen. Nicht selten verbandelt mit dem unseligen Begriff einer (von einigen wohl mehr herbeigesehnten denn tatsächlich vorhandenen) „Leitkultur“. Doch bietet Religion Heimat? Taugt sie – konkret: das Christentum in seiner jeweiligen volkskulturellen Ausprägung – als Bollwerk gegen die kalten Zeitläufte, die uns Heimat zwischen den Fingern zerrinnen lassen? Ich zweifle. Denn theologisch ist gerade das Christentum die Religion der Heimatlosigkeit: das Wüstenvolk auf permanenter Wanderschaft – Heimat einzig als Vision vom Land, in dem Milch und Honig fließen. Rastlos, ständig herausgefordert, Heimat neu zu finden und zu erfinden – dabei jedoch stets im Bewusstsein, dass Heimat nicht von Haben kommt, sondern von einer Vision, die – einem Wort Ernst Blochs zufolge – jedem in die Kindheit scheint, wo aber noch niemand war …

 

 

Weiden am Leiden
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl
Weiden am Leiden
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl

 

Weiden am Leiden

 

Manchmal frage ich mich, was in jenen Leuten vorgeht, die Hilfseinsätze behindern, um nur möglichst nahe das Leiden oder gar den Tod eines Menschen mitverfolgen zu können. Rettung, Feuerwehr und Polizei sind zunehmend mit dieser Sensationslust konfrontiert, wodurch ihr Arbeitseinsatz oft wesentlich verzögert wird. Um ein Leben zu retten, zählt aber jede Minute.

 

Was treibt die Menschen zu diesem Verhalten an? Ist in der zwischenmenschlichen Beziehung wirklich jedes Mitgefühl, jeder Respekt vor der Privatsphäre verloren gegangen? Manche meinen, der von den Medien geförderte Voyeurismus ist schuld daran. Stimmt sicher, aber gehörte dieses Weiden am Leiden anderer nicht immer schon zu den dunkelsten Seiten der menschlichen Natur?

 

Unter der Menge, die am Weg hinauf nach Golgotha stand, herrschte sicher nicht nur Mitgefühl. Die Hexenverbrennungen im Mittelalter arteten zu wahren Volksfesten aus und die unter der Französischen Revolution erfolgten Hinrichtungen wurden auch vom Jubel der Zuschauer begleitet. Und was war vor achtzig Jahren? Als 1938 die Hitler-Schergen die Juden zwangen, auf den Knien die Gehsteige zu säubern, drängten sich auch ihre Mitbürger um die beste Sicht.

 

Das menschliche Verhalten gegenüber dem Leiden anderer scheint sich nicht zu ändern. In einem aber schon: Heute stellt man per Handy das Gesehene ins Netz, um auch andere daran teilhaben zu lassen. Unlängst fiel mir ein Zitat in die Hände: Scham ist die Hüterin der menschlichen Würde. Scham? Ist das nicht heute ein Fremdwort?

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Themen & Schwerpunkte

82 mal Ja sagen

Krisenpflegemamas geben Kindern kurzzeitig ein Zuhause, wenn deren eigenes nicht mehr intakt ist. Christine Baidinger ist eine von ihnen: Seit 23 Jahren springt sie ein, wenn Eltern nicht mehr können.

Gleich beim Eintreten in die Wohnung fällt im Vorzimmer ein Korb Kinderschuhe auf: Lila Crocs tummeln sich dort neben braunen Winterstiefeln und rosa Sandalen – die Ausrüstung einer Krisenpflegemutter, erzählt die 53-jährige Christine Baidinger augenzwinkernd, während sie die Tür schließt. Hinter der Eingangstür steht ein blauer Kinderwagen, darin selig schlummernd die vier Monate alte Rosa (Namen geändert), das 82. Krisenpflegekind von Christine.

 

Christine ist eine von 41 Krisenpflegemamas in Wien. Sie gibt Kindern ein kurzzeitiges Zuhause, die aufgrund einer Notsituation oder bei Gefahr in Verzug aus einer Familie herausgenommen werden müssen. „Das ist immer eine Extremsituation. Die absolut letzte Option“, bekräftigt auch Martina Reichl-Rossbacher, die Leiterin des Referats für Adoptiv- und Pflegekinder in Wien. Und: Es geht immer schnell, ist kaum planbar.

 

Das weiß auch Christine: „Es kommt ein Anruf. Christine, bist du daheim?“ Und dann eine halbe Stunde später kommt das Kind. So auch bei Rosa, die gleich nach der Geburt gebracht wurde. Das Alter, das Geschlecht, die Umstände – vieles erfährt Christine erst, wenn das Kind da ist. Manche kommen ohne Schuhe, ohne Kleider, ohne Windeln. Andere sind schmuddelig oder unterernährt. Wieder andere haben Entzugserscheinungen, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Drogen konsumiert hat, „die kratzen sich dann viel“. Kein Fall, kein Kind gleicht dem anderen. Auch nach 82 Krisenkindern könne sie nichts verallgemeinern, es gibt keine festen Regeln.

 

Nicht auf Dauer

Es ist unklar, wie lange Rosa bei Christine bleiben wird. „Wir versuchen herauszufinden, wie es mit dem Kind weitergeht“, so Reichl-Rossbacher. „Kommt es zurück zu seinen leiblichen Eltern, kommt es zu einer Pflegefamilie? Wir bei der MA nennen das auch Abklärungszeit.“ Oberste Priorität hat immer das Kindeswohl. Sicher ist nur, dass das Kind nicht dauerhaft bei Christine bleiben wird. Krisenpflegeeltern als Übergangslösung.

 

Am Anfang war das hart. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern – damals im Teenageralter – hat sie sich 1995 für eine Krisenelternschaft entschieden. „Ich dachte, ich hätte mit der Kinderplanung abgeschlossen“, erinnert sich Christine, aber dem war nicht so. „Es ist wichtig, als Krisenmama keine eigenen Kinder mehr haben zu wollen. Das geht nicht gut. Das hält man nicht aus, wenn man ein Kind wieder abgeben muss.“ Damals haben sie sich als Pflegeeltern angemeldet und in der Folge zwei Pflegekinder aufgenommen, die heute noch bei ihr oder ihrem mittlerweile geschiedenen Mann wohnen.

 

Dauerhafte Pflege ist inzwischen kein Thema mehr. Sie ist glücklich in ihrer Rolle als Krisenmama, obwohl das Wiederhergeben ihr bis heute schwer fällt – vor allem wenn ein Kind mehrere Monate bei ihr war. „Aber das lasse ich auch zu. Es darf wehtun, wenn jemand, den man ins Herz geschlossen hat, wieder geht.“ Es helfe ihr, zu wissen, wenn ihr Krisenpflegekind in eine gute Umgebung kommt: „Da fällt der Abschied leichter.“

 

 

Der Moment zählt

Mittlerweile ist die kleine Rosa mit einem kräftigen Schrei erwacht. Schon ist die Flasche gewärmt und Rosa trinkt gierig. „Ja schau, wer trinkt denn da so fleißig“, freut sie sich, während sie sachte Rosas Kopf streichelt. Sie erzählt leise, dass die Eltern wenig Interesse an Rosa zeigen. „So etwas tut mir dann schon weh.“ Dennoch: Sie verurteile die leiblichen Eltern für deren Lebensumstände nicht. „Es gibt immer einen Grund. Niemand gibt gerne und freiwillig sein Kind ab“, ist sie überzeugt.

 

Und Christine hat ein großes Herz. Dieses helfe ihr dabei, Kinder immer wieder bei sich aufzunehmen, „Ja“ zu ihnen zu sagen, allen die gleiche Fürsorge zuteilwerden zu lassen. „Ich bekomme so viel von den Kindern zurück. Ich habe die größte Freude, wenn Kinder hier wieder unbeschwert Kinder sein können“, freut sie sich. Da habe sie dann etwas richtig gemacht.

 

Auch wenn Rosa in den nächsten Wochen oder Monaten ausziehen wird – das ist heute noch weit weg. Leben im Moment, im Hier und Jetzt, das zählt.

 

 

 

Elisabeth Mayr

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2018 | Ausgabe Mai/Juni 2018

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