Mittwoch 23. Mai 2018
Wofür lebst du?
Elisabeth Langer
Meine Berufung scheint es zu sein, den Menschen zur Einheit, zum Frieden aufzurufen. Schwächere zu beschützen, ihnen...
Wofür lebst du?
Elisabeth Langer

Meine Berufung scheint es zu sein, den Menschen zur Einheit, zum Frieden aufzurufen. Schwächere zu beschützen, ihnen eine Stimme zu geben. Widerstand zu leisten wo Unrecht passiert. Elisabeth Langer selbstständig, Wien
Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Mayr

Mag. Elisabeth Mayr

Ihre Ansprechpartnerin:

Mag. Elisabeth Mayr

Stephansplatz 6

1010 Wien

Tel.: +43 1 512 51 07 - 13

 

» Mail   |   Redaktion & Impressum

 


Ja und Amen
Leitartikel Mai/Juni
von Chefredakteur Henning Klingen
Ja und Amen
Leitartikel Mai/Juni

von Chefredakteur Henning Klingen

 Der Ja-Sager

 

Ich bin ein Ja-Sager. Vor 14 Jahren habe ich zu meiner Frau Ja gesagt, bislang dreimal zu Kindern. Das war jetzt aufgelegt, gebe ich zu. Aber auch dazwischen gab es unzählig viele Ja: ein Ja zu meiner Berufsausbildung, ein Ja zu einer Dissertation, zur Übernahme der Leitung des „miteinander“. Im Rückblick wirken Biografien stets wie aus einem Guss, wie gefügt. Dabei wird gern übersehen, wie mühsam errungen viele dieser bewussten Ja waren; mit welchen Reibungsverlusten sie einhergingen.

 

Über all den kleinen und größeren Entscheidungen schwebt die Frage nach dem ersten Ja – dem Ja zum Leben. Nehme ich an, was mir da im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt wurde? Ver-danke ich mich und nehme das Leben als Geschenk an? Oder leide ich still, hadere ich mit dem Schicksal? Dieses Ja muss tatsächlich jeden Morgen neu gesprochen werden – mal wird es übertönt vom Alltagsrauschen, mal trotzig genau diesem monotonen Alltag entgegengeschleudert.

 

Wer indes laut Ja sagt – und sei es, indem er der Tristesse ein Lächeln entgegensetzt –, macht sich manchmal gar verdächtig. Verdächtig, weil er Dingen zustimmt, die der Kritik würdig sind. Verdächtig auch, weil ein fröhliches Ja nach Naivität, Unbedachtheit oder schlicht Bequemlichkeit aussieht. Denn Widerspruch kostet Kraft, die Anstrengung kritischer Durchdringung.

 

Interessanterweise ist es im Glauben inzwischen genau umgekehrt. Das Nein kommt gerade jungen Menschen scheint’s leichter über die Zunge als das bewusste Ja zum Glauben. Und leider haben sie ja dabei häufig recht – denn was mancherorts in Katechese oder Religionsunterricht dargeboten wird, macht ein reifes Ja tatsächlich schwer. Gott und Kirche werden dort nicht selten zu magischen Ereignissen oder Orten verniedlicht, die vom Priester zelebriert und gegen jede Kritik immunisiert werden.

 

Gewiss, es gibt sie – Gott sei Dank –, die Priester und Religionslehrer, die ihre „Sache“ auf der Höhe der Zeit auch theologisch argumentieren können. Aber viele werden nicht zuletzt aufgrund laufender Strukturreformprozesse derart durch administrative Tätigkeiten aufgerieben, dass ihnen kaum mehr Zeit bleibt, Ja zu sagen zu der Verantwortung, junge Menschen in das Wagnis Glauben einzuführen. Vielleicht bedenken Sie diese Zerrissenen, deren Zahl stetig wächst, einmal mit einem kleinen Stoßgebet, wenn Sie in den nächsten Wochen die eigenen Kinder oder Patenkinder auf dem Weg zu ihrem hoffentlich reifen Glaubens-Ja – der Firmung – begleiten.

 

 

 

Eh!
Pastoralinnovation
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Georg Plank
Eh!
Pastoralinnovation
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Georg Plank

 

Eh!

 

Von „Ja, eh!“, „Das haben wir eh schon gemacht“ oder „Es geht eh ganz gut“ bis zu „Hast eh recht, aber …“: Das Wörtchen „eh“ ist besonders in seiner austrifizierten Anwendung kürzestmöglicher Ausdruck von Innovationsverweigerung. Immer öfter reagiere ich darauf schroff mit „Das heißt, du willst nicht besser werden?“. Denn wer sich mit dem Status quo zufrieden gibt, lehnt jegliche Veränderung und damit potenzielle Verbesserung ab. Innovationen sind ja nicht einfach etwas Neues, sondern etwas Besseres. Sonst würde niemand ein neues Handy kaufen, für den Urlaub eine andere Destination wählen oder sein Kind in eine bestimmte Musikschule schicken.

 

Die Sehnsucht, besser zu werden und Besseres zu schaffen, hat geistbewegte Menschen inner- und außerhalb der Kirche immer schon angetrieben. Der Feind des Besseren ist allerdings oft nicht das Schlechte, sondern das Gute. „Funktioniert eh ganz gut!“ führt schnell zu einer selbstbezogenen Zufriedenheit, die Kreativität erstickt und neue Initiativen bremst.

 

Biblisches Fundament für das Bessere ist das bekannte Bildwort vom Weinstock. „Jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt“ (Joh 15,2b). Übrigens, von daher erschließt sich auch das sperrige Jesuswort „Wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben“ (Mt 25,29).

 

Mehr Früchte im Geiste Jesu bedeutet Besseres: mehr Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung; weniger Leid, weniger Ausbeutung und Stumpfsinn. Deshalb lohnt es sich, für das Bessere zu kämpfen und zu arbeiten. Eh klar!

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2018 | Ausgabe Mai/Juni 2018

Jetzt kostenloses Probeabo bestellen!

Aus dem neuen »miteinander«

Dem Leiden standhalten

Wo ist Gott, wenn sich das Leben zurückzieht? Wo lohnt Widerstand, wo bleibt nur Ergebung? Betrachtungen über die Endlichkeit, die Würde und den Trost von P. Tiemo Rainer Peters.

 

Leiden"Heilig wird man durch Stillesitzen", hat Meister Eckhart gepredigt und gemeint, unser ganzes Unheil komme aus der Rastlosigkeit. Blaise Pascal sieht es ebenso, "dass alles Unglück der Menschen einem entstammt, nämlich: dass sie unfähig sind, in Ruhe allein in ihrem Zimmer bleiben zu können". Der Ort ist gleichgültig, es braucht keine Heimat zu sein, kein vertrautes Milieu, kein geweihter Raum. Der alltäglichste kann der spannendste Ort und die scheinbar unbedeutendste Tätigkeit, still da zu sitzen, die größte und verheißungsvollste sein. Warum? Weil wir etwas Grandioses vollbracht hätten: uns in unseren Grenzen zu akzeptieren. Wir leben, doch unser Leben zieht sich zurück. Irgendwann lässt es uns fallen.

 

Und Gott? Muss er nicht retten, statt angesichts all der Schmerzen und Untergänge zu schweigen? Was bleibt uns? Zunächst eine Erkenntnis Ingeborg Bachmanns: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar." Wir können unserer Vergänglichkeit ins Auge sehen. Sodann: Die Begrenzungen müssen ertragen werden, aber nicht passiv und verzweifelt. Es gibt keine Selbstannahme ohne Selbstachtung und einen geradezu metaphysischen Trotz. Endlich: lernen, wo die "Grenzen zwischen dem notwendigen Widerstand gegen das 'Schicksal' und der ebenso notwendigen Ergebung liegen", wie Dietrich Bonhoeffer aus dem Gefängnis schrieb.

 

Einmalig, unverwechselbar

 

Ich zehre von einem Gedanken, der sich unter anderem bei Michel de Montaigne, Immanuel Kant und Marcel Proust findet und der zutiefst biblisch ist: Ich bin einmalig, unvergleichlich, unverwechselbar. Nicht nur dann und dort, wo ich über mein Leben und seine Möglichkeiten verfüge, sondern auch da, wo ich seine Last und sein Elend zu tragen habe.

 

"Sich nicht vergleichen!", mahnt Franz Kafka in seinen Tagebüchern. Es lenkt nur vom Eigentlichen ab, von dem, was Franz Rosenzweig eingeschärft hat: "Ich bin der Freiherr meines Ethos." In normalen Zeiten nehme ich diese Auszeichnung meist nicht zur Kenntnis und begreife nicht, schon dadurch geadelt zu sein, dass ich ein Mensch bin. Doch selbst wo ich in die Nähe dessen gerate, was man gemeinhin "Leiden" nennt, bin ich zwar gezeichnet und allein, aber als Mensch bin ich nicht isoliert. Vielmehr bin ich jetzt gleichsam die ganze Menschheit, die Menschheit im Singular. Und die gesamte Menschenfamilie ist darauf angewiesen, dass ich sie würdig vertrete.

 

In Siena kann man das schrecklich schöne Haupt der Katharina besichtigen. Ihr Leib liegt in Rom – ein Tribut an das zerrissene 14. Jahrhundert, in dem sich das päpstliche Rom und die toskanischen Städte (auch wegen Katharina) bekämpften. Dantes Göttliche Komödie entsteht, und in Venedig bricht erstmals die Pest aus. Himmel und Hölle sind angetreten, um den Menschen zwischen sich aufzuteilen. Und nun?

 

In Katharinas Dialog über die Vorsehung steht etwas, das weiterhelfen könnte – dem, der im Sinne Eckharts und Pascals "still" geworden wäre: "Wenn die Seele sich selbst erkennt, dann wird sie auch Gott besser kennenlernen, denn sie erkennt, wie gut Gott zu ihr gewesen ist; sie sieht ihre eigene Würde im freundlichen Spiegel Gottes."

 

Verwiesen auf das irdische Dasein

 

Wie schwer ist es, "Gott" zu sagen, ohne ihn als Dauertrost von hoch oben zu betrachten, der auch gar nicht tröstet, sondern traurig macht – die "Acedia" der Asketen? Sprechen die Schriften des Alten und des Neuen Testaments überhaupt von dem, der in einem fernen Himmel wohnt, um dort irgendwann seine Unendlichkeit mit uns zu verbringen? Werden wir nicht etwa in den Bildern vom himmlischen Hochzeitsmahl (Lk 14,15–24) oder "Jüngsten Gericht" (Mt 25,31–40) auf das irdische Dasein verwiesen, auf die verfügbare Zeit und die reale Welt, in die Gott eingetreten, wo sein Geheimnis geborgen und er allen Hellhörigen und Aufmerksamen nahe ist? Gott wird ja in seiner Größe dadurch bestätigt, nur der Mensch nicht in seiner religiösen Weltferne und Größenphantasie. "Ich bin der Ich-bin da", und keineswegs irgendwo weit weg von dir, hört Mose am Dornbusch (Ex 3, 14). Noch immer trifft man ihn im "jeweils gegebenen erreichbaren Nächsten" (Bonhoeffer), sagt, zusammen mit den Propheten Israels, Jesus von Nazaret.

 

Der Tod ist nicht alles, darf es nicht sein, weil er das ganze Leben mit seiner Tödlichkeit verderben würde. Auch ein "Leben um jeden Preis" kann es nicht sein. So würden wir uns selbst und das Leben der Anderen ruinieren. Beides sind banalisierte "Ewigkeiten". Uneingeschränkte Gültigkeit scheint nur das Jetzt, die "Jetztzeit" (Walter Benjamin) zu besitzen, dieser kostbare Moment, wo alles Wichtige geschieht und Gott begegnet. Ich fasse sein Geheimnis nicht, doch mich ergreift es, wenn ich zur Stelle bin.

 

Der Gedanke der Ewigkeit und der Unsterblichkeit ist unverzichtbar – für die griechische Philosophie und eine Christenheit, die lange geglaubt hat, sich nur mit ihrer Hilfe verständlich machen zu können. Die biblische Rede von der Umkehr, der knapp gewordenen Zeit, der Gefahr, das Heil zu verpassen (vgl. z. B. Mt 25, 1-13), fordert den Verstand jedoch ebenfalls heraus, und zwar ganz praktisch, über alle bloße Theorie hinaus. "Dass jeder Augenblick der letzte sein kann, macht ihn ewig", schrieb wieder der jüdische Religionsphilosoph Franz Rosenzweig. Er erfasste das Evangelium damit genauer, als es die Spekulation der Griechen je vermöchte. Die Ewigkeit ist biblisch nichts anderes als eine Beschaffenheit des "Jetzt", des "Da" und "Heute" Gottes, anders "ist" sie gar nicht.

 

Trost und Vertrauen

 

Was tröstet uns? Trost, der wirkliche – altnordisch "traust", englisch "trust" – ist Vertrauen. In wen, auf was? "Gibt" es etwas, worauf ich restlos bauen kann? Kafkas Tagebuchnotiz, dass man Trost nicht finden, aber sein Leben der "Arbeit widmen" kann, ihn zu suchen, verbinde ich mit einem alten Versprechen Jesu, auf das ich mich verlasse: "Wer sucht, der findet" (Mt 7, 8). Ich muss nichts bekommen, und werde erst recht nicht erhalten, was ich finden wollte. Doch was ich dann entdecke, ist meistens besser als das, was ich gesucht hatte (frei nach Hans-Georg Gadamer).

 

Die Auferstehung Jesu war nicht Ausstieg oder Aufstieg, sondern Einstieg, das pure "Da", Eintritt ins Jetzt. Maria aus Magdala wird mehr und mehr in dieses Geschehen hinein gerissen (Joh 20, 11-18). Den Toten hat sie gesucht, den Auferweckten gefunden. Aber nicht "festhalten" soll sie ihn, der auch gar nicht zu halten ist, so gegenwärtig und lebendig ist er; dem man nachfolgen muss, wenn man ihm begegnen und mit ihm verbunden bleiben will. Schon bricht Maria mit den anderen Frauen zu den Jüngern auf, um ihnen ihre Entdeckung mitzuteilen, nein: um sie mit ihnen zu teilen. Und sie müssen sich beeilen (Mt 28, 7f). Schließlich handelt es sich nicht um x-beliebige Neuigkeiten oder Allerweltsinformationen. Es geht um alles oder nichts.

 

Ist es nicht die definitive Zusage Gottes, die wir Auferstehung nennen und die schon mit seiner Menschwerdung beginnt, mitten im Leben? Gehören die Geburt Jesu in Betlehem und sein Sterben auf Golgota, mit ihrer Tendenz nach unten, nicht eng zusammen? Endlich haben sie sich gefunden, Gott und der Mensch – jetzt, wo die Zeit "erfüllt" (Lk 2, 11) ist.

 

P. Tiemo Rainer Peters OP lehrte von 1979 bis 2004 als Akademischer Rat Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster.

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2014 | Ausgabe März

Jetzt kostenloses Probeabo bestellen!

CANISIUSWERK

Zentrum für geistliche Berufe

Stephansplatz 6
1010 Wien

Telefon: +43 1 512 51 07
Fax: +43 1 512 51 07 - 12
E-Mail: office@canisius.at
Darstellung:
http://www.miteinander.at/